Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Die Finnen

10.02.2026 • 16:55 Uhr

Sie saßen zu dritt auf dem Sofa und sahen fern. Meine beiden Söhne und mein Mann. Schispringen. Eine Freundin, Dame mit Vergangenheit, hatte mich oft schon getadelt: „Es sind nicht deine Söhne, es ist nicht dein Mann. Die Söhne, der Mann muss es heißen, ohne Besitzanzeigung!“ – Das ärgerte mich.

„Er springt“, schrie unser Jüngster. „Schnell Mama!“

Ich trocknete meine Hände ab. Die drei nahmen mich in die Mitte. Der Finne sprang. Er hielt sich lange in der Luft, jedenfalls wirkte es so auf mich.

 „Wann kommt er endlich an?“, fragte ich.

Der Finne siegte. Aber er lachte nicht.

„Warum freute er sich nicht?“

„Weil er Finne ist“, sagte mein jüngster Sohn.

Dann gab der Finne doch noch ein kleines Grinsen an.

Unser großer Sohn sagte: „Erinnert ihr euch noch daran, wie Bonsai (so nannte er seinen kleinen Bruder) sich eine finnische Fahne genäht hat und sie bei einem Eishockeyspiel mitgenommen hat?“.

„Hast du mit ihr gewedelt?“, fragte sein Vater.

„Können wir von etwas anderem reden?“, sagte Bonsai.

Seine Finnlandbegeisterung hat er nicht verloren, Aki Kaurismäki ist sein Lieblingsregisseur, Das Mädchen aus der Streichholzfabrik sein Lieblingsfilm. Mein Mann liebt Filme, in denen viel geredet wird, oder Filme mit Tanzeinlagen. Unser großer Sohn wünschte sich eine Verfilmung von Anna Politskovskajas Tagebuch. Wen wir uns als Schauspielerin vorstellen könnten, fragte er.

„Vom Typ her Jodi Foster“, sagte meine Mann.

„Ich kenne keine einzige russische Filmschauspielerin“, sagte ich. Ich schlug eine Seite aus dem Tagebuch auf und las: „Männer werden langsam wahnsinnig, weil sie sich an allem die Schuld geben …“

„Ein russischer Film“, sagte unser großer Sohn, „und wer führt Regie?“

„Aki Kaurismäki natürlich“, sagte Bonsai.

Weihnachten war vorbei, das neue Jahr hatte begonnen. Ich saß unter meinen drei Männern, die sich Schauspielerinnennamen zuriefen.

Ich vermisste das Zwinkern unserer jüngsten Tochter, sie zwinkerte mir zu, als sie noch gelebt hatte. Sie zog einen Kussmund, wenn die drei Männer über ein Thema hinausdiskutierten.

„Komm Mama“, sagte sie dann, „wir gehen in die Küche und führen Frauengespräche.“

Ohne uns Frauen fehlte den Männern das Feuer, und es wurde ganz still im Wohnzimmer. Mein Mann setzte sich auf die Treppe und spielte Gitarre, unser großer Sohn improvisierte dazu. Der Jüngste zog die Decke über die Ohren und dachte über seine Erfindung nach.

Wir freuen uns alle darauf, dass unsere älteste Tochter und ältere Schwester bald aus Deutschland zu Besuch kommt. Dann gehen wir gemeinsam zu Paulas Grab. Dann sind wir wieder komplett.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.