90 Jahre und ein Quell von Vitalität in Körper und Geist

Vorarlbergs Anti-Atomkraft-Ikone Hildegard Breiner feiert hohen Geburtstag in beneidenswertem Zustand.
Bregenz Es sagt sich bei einer Altersbekanntgabe sehr schnell: “Man sieht dir dein Alter nicht an. Du schaust jünger aus.” Bei Hildegard Breiner, die am Samstag, dem 28. März, 90 Jahre alt wird, braucht man überhaupt nichts Derartiges zu sagen. Ihre Erscheinung spricht für sich und nährt den Mythos von unvergänglicher Jugendlichkeit: schlank, beweglich, hellwach der Blick, geistig frisch wie eh und je, modisch gekleidet, perfekte Frisur. “Es geht mir sooo gut”, sagt Hildegard Breiner. Nachsatz: “Dafür bin ich sehr dankbar.”

Ausdauernde Freundlichkeit
Was hat diese Frau nicht alles bewegt in diesem Land. Als Kämpferin gegen die Atomkraft war sie unerbittlich, kompromisslos und hartnäckig. Dabei trug ihre Wehrhaftigkeit gegen die nukleare Gefahr und ihr Engagement für den Naturschutz stets ein freundliches Konterfei. “Ich weiß nicht, wofür ich sie mehr schätze: für ihre freundliche Ausdauer oder ihre ausdauernde Freundlichkeit”, sagte weiland Alt-Landeshauptmann Herbert Sausgruber über sie. Er sagte das anlässlich der Verleihung des Russpreises an die Umwelt-Ikone im Jahre 2008. “Diese Charakterisierung hat mir gut gefallen. Sie stimmt wohl auch genau so”, lächelt Breiner zurück in ihre Vergangenheit. Niemals sei sie bei ihrem Kampf für Naturschutzanliegen unter die Gürtellinie gegangen, meinte “Sausi” überdies.

Ikone einer Bewegung
Nein, das tat sie nicht. Aber sie stand mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern vehement auf, als das Atomkraftwerk Zwentendorf in Betrieb gehen sollte. Und der Jubel über die Volksentscheidung gegen das Projekt am 5. November 1978 verlieh der Anti-Atomkraftbewegung damals einen ungeheuren Schwung. In Deutschland vereitelten massive Proteste den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Mittendrin in den Demonstrationen mit voller Inbrunst und Transparenten: Hildegard Breiner mit Ehemann Franz Viktor. Den Widerstand gegen Atomkraft und Projekte mit drohenden Beeinträchtigungen des Naturschutzes führte sie auf mehreren Ebenen. Hildegard Breiner war an Schulen, engagierte sich auf einschlägigen Plattformen, seit vielen Jahren ist sie Obfrau des Vorarlberger Naturschutzbundes.

Dass die Atomkraft auf internationaler Polit-Bühne wieder propagiert wird, verstört die Jubilarin: “Ich verstehe einfach nicht, wie selbst intelligente Menschen allen Ernstes die Atomkraft befürworten. Als ob uns der 15. Jahrestag von Fukushima die tödlichen Gefahren nicht wieder eindrucksvoll in Erinnerung gerufen haben.”

In der Natur unter Menschen
Hildegard Breiner, die Person öffentlichen Interesses, ist die eine Seite. Hildegard Breiner, die Privatperson, die andere. Wobei sich die beiden Seiten nicht wirklich trennen lassen. “Ich liebe die Natur, das Wandern und Radfahren. Und deswegen weiß ich auch, dass man diese Natur in ihrer Pracht erhalten muss.”
Noch heute organisiert die 90-Jährige allwöchentlich einen öffentlichen Wandertag. Selbstredend marschiert sie dort mit. Vor Kurzem bereitete ihr die Gruppe zum runden Geburtstag einen überschwänglichen Empfang und ließ sie hochleben. Auch taten das Mitglieder des Naturschutzbundes, mit denen sie sich am vergangenen Sonntag auf Exkursion im Schweizer Ried befand.

Ihr großes Geburtstagsfest wird die Bregenzerin am Sonntag in Wien bei ihrem Sohn, den drei Enkeln und dem halbjährigen Urenkel begehen. Ihre Wünsche “für die nächsten 90 Jahre?”: “Gesund bleiben und mich im Kreis von geliebten Menschen aufhalten. Am liebsten in der Natur. Nur dann erlebe ich das Leben lebenswert.”