Der Mann, der alles auf den Kopf stellte

01.05.2026 • 11:39 Uhr
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Mit umgedrehten Bildern, radikalen Figuren und scharfen Angriffen auf die Gesellschaft wurde Baselitz zu einem der wichtigsten Künstler unserer Zeit.GEOFFROY VAN DER HASSELT / AFP

Georg Baselitz, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, ist im Alter von 88 Jahren gestorben.

Schwarzach Georg Baselitz war einer der bedeutendsten und zugleich unbequemsten Künstler der Gegenwart. Seine Galerie Thaddaeus Ropac würdigte ihn als wegweisenden Innovator, dessen Einfluss weit über die eigene Generation hinausreichte. Baselitz galt als Künstler des Widerspruchs, als einer, der provozieren, anecken und sich nie mit Konventionen zufriedengeben wollte. Noch kurz vor seinem 80. Geburtstag wetterte er gegen angepasste Journalisten, konforme Künstler und eine aus seiner Sicht erstarrte Demokratie. Der Ruf des „Wutkünstlers“ begleitete ihn zeitlebens. Gerade diese Unangepasstheit machte ihn für Museen und Publikum so faszinierend. Baselitz arbeitete stets gegen den Trend: gegenständlich, als Abstraktion dominierte, monumental, als kleinere Formate gefragter waren. Er wechselte die Stile, experimentierte mit Impressionismus und Kubismus und persiflierte kunsthistorische Traditionen mit seinen sogenannten Fraktur-Bildern. 2023 zeigte das Kunsthistorische Museum in Wien mit „Nackte Meister“ eine große Ausstellung zum 85. Geburtstag, in der Werke aus fünf Jahrzehnten mit Bildern alter Meister in Beziehung gesetzt wurden. Dabei wurde deutlich, wie sehr Baselitz jede idealisierte Schönheit als leeres Pathos ablehnte.

Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion

Schon früh suchte er den Skandal. Bei seiner ersten Ausstellung 1963 wurden zwei Bilder wegen angeblicher Pornografie von der Sittenpolizei beschlagnahmt. Baselitz gab offen zu, dass er auf den Eklat gesetzt hatte, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Konsequenter Ausdruck seiner Eigenwilligkeit wurde später das Umkehrbild: Seit 1969 malte er Motive auf den Kopf gestellt, mit Füßen oben und Köpfen unten. Das wurde zu seinem Markenzeichen. Er verstand es als Versuch, das Bild aus der „fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit“ zu lösen, als dritten Weg zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Seine Kunst war auch von der Erfahrung des Krieges geprägt. In den „Heldenbildern“ ab 1965 erscheinen beschädigte, verstörende Gestalten in zerfetzten Uniformen. Baselitz sah sich selbst als Kind einer zerstörten Ordnung, einer verwüsteten Landschaft und Gesellschaft.

Bilder und Skulpturen

Geboren wurde er als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz, nach dem er später seinen Künstlernamen wählte. Früh rebellierte er gegen Vorgaben, flog in den 1950er Jahren wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunsthochschule in Ostberlin und ging in den Westteil der Stadt. Auch später blieb sein Verhältnis Deutschland spannungsvoll, etwa als er 2016 aus Protest gegen das Kulturgutschutzgesetz Dauerleihgaben aus deutschen Museen abzog.
Trotz körperlicher Einschränkungen arbeitete Baselitz bis ins hohe Alter weiter, oft am Boden, unterstützt von seiner Frau Elke, mit der er über 60 Jahre verheiratet war. Seine monumentalen Bilder und Skulpturen hängen in den wichtigsten Museen der Welt, zahlreiche Ehrungen folgten, darunter der Praemium Imperiale. Doch auch auf dem Höhepunkt seines Ruhms blieb die Angst vor dem Scheitern sein täglicher Begleiter.