Wohnen als Schuldenfalle

07.05.2026 • 16:00 Uhr
Simone Strehle-Hechenberger
Simone Strehle-Hechenberger wechselt demnächst in die Privatwirtschaft. Lamprecht

Überschuldung hat inzwischen auch den Mittelstand erreicht. Die scheidende Leiterin der ifs-Schuldenberatung, Simone Strehle-Hechenberger, zieht Bilanz.

Bregenz Nach acht Jahren als Leiterin der ifs-Schuldenberatung beschreitet Simone Strehle-Hechenberger demnächst neue berufliche Wege. Die Juristin steigt bei einem Beratungsunternehmen ein. Bei der Schuldenberatung sind die Klienten mehr und die Wartezeiten länger geworden. Laut Strehle-Hechenberger hat die Überschuldung auch schon den Mittelstand erreicht.

Warum verlassen Sie die Schuldenberatung?

Strehle-Hechenberger Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Die Schuldenberatung war über viele Jahre ein wichtiger Ort meiner beruflichen und persönlichen Entwicklung. Die Arbeit mit Menschen in existenziellen finanziellen Krisen schärft den Blick für das Wesentliche, und auch die Führung eines engagierten Teams war für mich eine große Bereicherung, wie auch Teil des ifs zu sein mit seiner großen Fachlichkeit. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was hat sich im Laufe dieser Zeit bei der Schuldenberatung verändert?

Strehle-Hechenberger Wir haben mehr Erstkontakte. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind es jährlich etwa 300 Personen mehr, die das erste Mal kommen, und das ist schon ein Unterschied.

Heißt das, die Hemmschwelle ist gesunken?

Strehle-Hechenberger Es ist eher die schwierige wirtschaftliche Situation, und dass das Thema jetzt auch die Mittelschicht erreicht hat und es somit eine neue Klientengruppe gibt.

Wie sieht es mit der Schuldenlast aus?

Strehle-Hechenberger Die Schuldenlast hat sich nicht wirklich erhöht. Sie liegt bei etwa 90.000 Euro. Dieser Betrag beinhaltet aber alles, Betreibungskosten, Zinsen und Zinseszinsen. Schulden verdreifachen sich innerhalb von acht Jahren. Die Medianverschuldung ist mit rund 46.000 Euro niedriger. Auch da gab es keine wesentliche Veränderung.

Was führt zur Überschuldung?

Strehle-Hechenberger Es gibt immer mehrere Gründe. Dazu zählen in erster Linie Arbeitslosigkeit und Einkommensverschlechterung, ein nicht adäquater Umgang mit Geld oder fehlende Finanzbildung. Deutlich gestiegen ist außerdem der Überschuldungsgrund Wohnen.

Eine Überschuldung betrifft häufig auch Kinder…

Strehle-Hechenberger Wir haben ungefähr 3400 Klienten jährlich und etwa 1700 Kinder, die mitbetroffen sind. Für sie ist das eine sehr einschneidende Situation. Sie lernen früh den Verzicht, sie lernen früh, Bedürfnisse nicht zu äußern und mit Eltern zu leben, die sich schämen. Das prägt und hat Folgen für ihre Entwicklung, für den Selbstwert, für die Gesundheit.

Das Land muss sparen. Wie wirkt sich das bei der Schuldenberatung aus?

Strehle-Hechenberger Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machen Einsparungen notwendig, was ich nachvollziehen kann. Ich hoffe trotzdem, dass sich gute Lösungen für die Menschen, die es brauchen, finden. Die Zusammenarbeit mit dem Land als Auftraggeber war immer sehr verantwortungsvoll.

Es gibt auch bei der Schuldenberatung Wartezeiten. Wie viele Klienten betrifft das?

Strehle-Hechenberger Aktuell haben wir über 150 Klienten, die bis Ende Juli keinen Termin bekommen.

Wie stehen Sie zu einer möglichen Abschaffung des Bargelds?

Strehle-Hechenberger Der entscheidende Punkt sind Schutzmaßnahmen für vulnerable Gruppen, junge Menschen und überschuldete Personen. Wir wissen aus der Finanzbildung, dass Kinder und Jugendliche einen haptischen Bezug brauchen. Der Trennungsschmerz ist höher, wenn ich einen Geldschein hinlegen muss, als wenn ich nur das Knöpfchen drücke.

Wird in Familien über Geld geredet?

Strehle-Hechenberger Im Elternhaus ist Geld oftmals ein Tabuthema. Man spricht nicht über Geld, Geld hat man. Dabei wäre es wichtig, Kindern frühzeitig zu erklären, woher das Geld kommt und ihnen früh ein Taschengeld zu überlassen. Es macht jedoch keinen Sinn, schon im Elternhaus Kreditvereinbarungen zu treffen, sprich Geld nachzuschießen, wenn nichts mehr da ist. Kinder sollen lernen, mit einem gewissen Betrag auszukommen

Wie wirksam ist der Finanzführerschein?

Strehle-Hechenberger Er ist wirklich sehr stark nachgefragt. Inzwischen gibt es über 27.000 Finanzführerscheine. Das Projekt feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen. Es hat sich etabliert.

Was würden Sie sich für die Schuldenberatung wünschen?

Strehle-Hechenberger Ich wünsche der Schuldenberatung eine entsprechende Personalausstattung, damit den Menschen, die es brauchen, rasch zu einer Entlastung verholfen werden kann. Jeder in die Schuldenberatung investierte Euro rentiert sich fünffach.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Strehle-Hechenberger Ich habe die Möglichkeit, in Dornbirn als Partnerin in ein etabliertes Beratungsunternehmen einzusteigen. Mit einem kompetenten Kollegen werde ich Menschen mit verantwortungsvollen Aufgaben in Veränderungsprozessen sowie Teams und Organisationen begleiten und Lehrgänge im Bereich Führung und Transaktionsanalyse anbieten. Ich gehe also nicht, weil etwas schwierig ist, sondern weil etwas Neues entstehen darf.