Opfer des Amoklaufs von Nenzing: Eine Kugel machte Gerhard Hummer zum Pflegefall

Für Amok-Opfer Gerhard Hummer aus Nenzing war Aufgeben trotz schwerster Verletzung nie eine Option.
Darum geht’s:
- Gerhard Hummer seit 2016 nach Amoklauf komplett gelähmt.
- Familie unterstützt ihn, Tochter absolvierte Pflegeausbildung.
- Optimistischer Blick in die Zukunft trotz Herausforderungen.
Rankweil Eine Nacht im Mai 2016 veränderte das Leben von Gerhard Hummer (63) auf dramatische Weise. Eine Kugel aus der Waffe eines Amokläufers machte ihn zum Pflegefall. Der Familienvater ist seit dem verhängnisvollen Konzertbesuch in der Nenzinger Au komplett gelähmt. Am 22. Mai jährt sich die Katastrophe zum zehnten Mal. Die warum-gerade-ich-Frage stellt sich Gerhard aber schon lange nicht mehr. „Es gibt keine Antwort“, sagt er kurz und bündig. Statt nach Erklärungen für das Unbegreifliche zu suchen, konzentriert er sich auf das Hier und Jetzt. Doch vergessen ist die Tragödie nicht. Jedes Jahr um diese Zeit schleicht sich das Geschehen wieder in seine Gedanken: „Es lässt einen nicht los.“ Gerhard Hummer stellt sich dem Schicksal und wird deshalb auch beim Benefizkonzert in Bludenz dabei sein, wenngleich mit gemischten Gefühlen, wie er mit leiser, aber klarer Stimme einräumt.

Ein Fels in der Brandung
Das Zuhause von Gerhard Hummer ist die Neurologie 6 im Landeskrankenhaus Rankweil. Hier bekommt er an Behandlungen, was er braucht. „Die Betreuung ist lobenswert“, gilt ein großer Dank dem Personal. Gerhard muss rund um die Uhr beatmet werden. Untertags beschert ihm ein Zwerchfellstimulator ein bisschen Unabhängigkeit. Das Gerät unterstützt zudem das Sprechen. Gerhard kann sich beinahe flüssig und deutlich artikulieren. „Das ist ein Wunderding.“ Seine wachen Augen blitzen schelmisch. Das Zimmer ist aber nicht nur mit Apparaturen bestückt. An den Wänden hängen zahlreiche Fotos der Familie. Sie zeigen Ehefrau Alexandra, die Töchter und Schwiegersöhne sowie die vier Enkel. Berührungsängste kennen die Kinder nicht. „Sie sind mit meiner Behinderung aufgewachsen“, merkt der Großvater lächelnd an. Die Familie steht zusammen wie ein Fels in der Brandung. Tochter Michelle hat nach dem Unglück sogar ihr Studium der Rechtswissenschaften aufgegeben und absolvierte eine Pflegeausbildung. Die kommt dem Vater bei Ausflügen sehr zugute.

Steiniger Weg zurück
Der Weg zurück war jedoch ein steiniger. Gerhard Hummer musste praktisch alles neu lernen: atmen, schlucken, sprechen und auch, Hilfe anzunehmen. An die Ereignisse, die im Bruchteil einer Sekunde sein bis dahin gewohntes Leben auslöschten, hat Gerhard so gut wie keine Erinnerung mehr. Erste Wahrnehmungen taten sich auf der Intensivstation des Landeskrankenhauses Feldkirch auf. Vom Ausmaß der Verletzungen ahnte er damals aber nichts. Von Feldkirch ging es in eine Spezialklinik nach Murnau, wo er sieben Monate verbrachte. Dort bemerkte der Patient, dass Fuß und Zehen nicht mehr funktionierten. „Ich war trotzdem überzeugt, noch alles zu können“, erzählt er. Es kam anders.

Gerhard nahm die verheerende Diagnose, komplett behindert zu sein, an, denn: „Wenn man loslässt, hat man schon verloren.” Stattdessen begegnete er dem Schicksal mit Kämpferherz und Lebensmut: „Ich bin ein positiver Mensch“, beschreibt er sich selbst. Optimismus und „der da oben“, er richtet schmunzelnd seine Augen erklärend zur Decke, haben ihm geholfen, anzunehmen, was nicht mehr zu ändern war. Seiner Frau sagte er, sie müsse ihr eigenes Leben leben. Doch sie stand und steht zu ihrem Mann, der das als „großes Geschenk“ empfindet. Manchmal stelle sie sich vor, aus einem bösen Traum aufzuwachen, schildert Gerhard ihre Empfindungen und fügt leise an: „So etwas verarbeitet man nie.“
Hoffen auf die Forschung
Gerhard Hummer ist heute voll und ganz auf sein “neues Leben” konzentriert. Dazu gehört auch, sich im Internet täglich und weltweit über die Fortschritte in der Erforschung von Therapiemöglichkeiten bei Querschnittlähmung zu informieren. Das Tablet steuert er mittels Mund-Maus. „Sie sind schon weit, das Wunder kann jeden Tag kommen“, zeigt sich Gerhard vertrauensvoll. Unerschütterlich glaubt er daran, noch eine Form von Heilung zu finden, wobei die Ansprüche bescheiden sind: „Ich wäre schon zufrieden, wenn ich eines Tages mit dem Rollator durch Nenzing spazieren könnte“, sagt der Mann mit dem sanften Lächeln versonnen. Er bewahrt sich seine Zuversicht: „Ich freue mich, dass ich bin, genieße die schönen Momente und hoffe auf den medizinischen Fortschritt“, spricht aus jedem seiner Worte purer Lebensmut.

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Zehn Jahre Amoklauf von Nenzing in der Berichterstattung



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