Ein Jahrzehnt nach dem Amoklauf von Nenzing: Vorarlbergs tiefes Trauma bleibt unvergessen

Am Freitag, 22. Mai 2026, jährt sich der tödliche Amoklauf in Nenzing zum zehnten Mal. Unmittelbare Betroffene des Geschehens schildern ihre Erinnerungen an den “blutigen Sonntag”.
Nenzing Das Unheil nahm in der Nacht auf den 22. Mai 2016 seinen Lauf. Ein 27-jähriges Vorarlberger Mitglied der rechtsextremen “Blood & Honour”-Bewegung eröffnete auf einem Treffen des Bikerclubs “Lords” auf dem Festivalgelände in Nenzing plötzlich mit einem vollautomatischen Sturmgewehr das Feuer auf die Menge. Zwei Menschen starben, elf wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Danach nahm sich der Amokschütze mit Schüssen aus demselben Gewehr selbst das Leben.
“Alle auf den Boden”
VN-Redakteurin Tanja Schwendinger erlebte das Geschehene als Besucherin unmittelbar mit und erinnert sich: “Wir haben am 22. Mai 2016 mit einer Mädelsgruppe einen Junggesellinnenabschied gefeiert und waren zuerst in Feldkirch unterwegs. Nachher fuhren wir auf das Festivalgelände. Ich bin mit einer Freundin gemütlich am Lagerfeuer gesessen, bis es plötzlich mehrere Knallgeräusche gegeben hat. Wir glaubten, dass irgendein Betrunkener Schweizerkracher detonieren ließ. Wenige Sekunden später hat jemand geschrien: ‚Alle auf den Boden, alle auf den Boden, da schießt jemand!‘”

“Als die ersten Menschen panisch weggerannt sind, sind wir, ohne zu überlegen, nachgelaufen. Der Verstand setzt in solch einem Moment aus. Über die Wiese, dann über die Gleise. Schließlich haben wir eine kleine Holzhütte gefunden, in der wir uns gemeinsam mit anderen Festivalbesuchern verbarrikadiert haben. Wir hatten Angst, weil wir nicht wussten, wie viele Personen beteiligt sind und wo sich der Schütze aufhält. Von der Hütte aus haben wir mehrmals mit der Polizei telefoniert und uns nach der Lage erkundigt. Nach etwa zwei Stunden kam die Entwarnung. Als die Polizei sagte, wir können herauskommen, wurden wir von einer Autofahrerin auf der Straße eingesammelt und zum Festivalgelände zurückgebracht. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht wirklich, was überhaupt passiert ist. Niemand hat uns erklärt, was genau los ist. Uns ist glücklicherweise nichts passiert, so etwas wird man sein ganzes Leben aber nicht mehr vergessen.”
Der Chefermittler im Rückblick
Die Schreckenstat in der Nacht auf jenen Sonntag hat sich als ein besonderes, in Vorarlberg noch nie dagewesenes Ereignis im Gedächtnis von Norbert Schwendinger eingeprägt. Er war damals als Leiter der Mordkommission nur wenig später nach den tödlichen Schüssen vor Ort.

“Es herrschten Panik und ein furchtbares Chaos, das es in den Griff zu bekommen galt. Sämtliche verfügbaren Polizeistreifen in Vorarlberg mussten mobilisiert werden. Aber auch Rettungskräfte, medizinisches Personal, Feuerwehren und Krankenhäuser. Dies gelang der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle in Feldkirch auf hervorragende Weise”, erinnert sich Schwendinger.
“Eine wesentliche Herausforderung war die angespannte Situation für die Einsatzkräfte der Polizei, die als Erste am Ort des Vorfalls eintrafen. Der einzige Weg dorthin führte durch eine Eisenbahnunterführung. Und zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, ob dahinter auf sie geschossen wird.” Schon sehr rasch sei klar gewesen, dass es sich bei dem Amokläufer um einen Einzeltäter handelte. Die Aufarbeitung des Falls hätte jedoch noch beinahe ein Jahr in Anspruch genommen.