Endlich stehen sie auf

VN Kommentar von Walter Fink.
Endlich, endlich steht die Kultur auf, endlich die gesamte Kultur, nicht mehr nur einzelne, nicht mehr nur die Tänzerin, der Dichter, die Malerin, diese Initiative oder jene Gruppe, die gerade zu wenig Unterstützung erfährt. Nein, jetzt haben sie sich zusammengetan und bringen die allen gemeinsame Klage vor. „Kultfür! Vorarlberg startet Solidaritätskampagne für Kunst und Kultur“ ist der Sammelbegriff, um den sie sich scharen. „Kultfür!“ – ich geb zu, ein etwas sperriger Begriff, das „für“ steht für den alemannischen Dialektausdruck für „Feuer“, also wie „Für underm füdla macha“. Aber sei‘s drum, es geht nicht um Begrifflichkeiten, es geht um die dramatische Entwicklung in der Vorarlberger Kulturszene. In einer Pressekonferenz vor einigen Tagen meinte die IG Kultur Vorarlberg: „Mit der Solidaritätskampagne Kultfür! setzen wir ein deutliches Zeichen gegen Kürzungen im Kulturbereich und für den Erhalt von Kunst und Kultur als öffentliche Aufgabe. Die Initiative entstand vor dem Hintergrund der Einschnitte im Kulturbereich der Stadt Feldkirch und macht deutlich, dass es dabei nicht um Einzelfälle geht, sondern um die Zukunft kultureller Vielfalt in ganz Vorarlberg. Kunst und Kultur sind für uns Infrastruktur für Demokratie, Bildung, Begegnung und Lebensqualität.“
Da sind wir beim Kern der Sache: Kunst und Kultur sind kein Luxus, den sich eine Gesellschaft leistet solange die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen. Kunst und Kultur sind notwendige Lebensgrundlage für die Menschen – selbst für jene, die das selbst nicht glauben. Kunst kann – im Gegensatz etwa zur Politik – Fragen stellen, ohne Antworten zu geben. Manchmal liegt ihr Wert gerade darin, Unsicherheit, Widersprüche oder Mehrdeutigkeit sichtbar zu machen. Dadurch wird Kunst, werden kulturelle Inhalte zu zentralen Fragen des Lebens, um deren Diskussion auch eine Gesellschaft nicht herum kommt. Kunst ist also nicht eine Frage der Schönheit, sondern vor allem auch eine Form der Auseinandersetzung. Politik, die das nicht erkennt, die sich dieser Diskussion nicht stellt, die Kunst und Kultur ins Abseits stellt, ist früher oder später zum Scheitern verurteilt. Auch – und gerade weil – Künstlerinnen und Künstler unbequem sind. Es ist so, wie der französische Dichter André Gide sagt: „Uneinig sein mit seiner Zeit – das gibt dem Künstler seine Daseinsberechtigung.“
All die Dinge sind bekannt seit der griechischen Antike, seit der römischen Klassik, seit der Renaissance und der deutschen Klassik. Und sie sind es erst recht seit dem Erstehen der Moderne. Dennoch war Politik nie an der Seite der Kunst – außer, wenn sie ihr dienlich war. Und doch braucht die Politik, braucht die öffentliche Auseinandersetzung die Kunst. Es gibt also die Notwendigkeit Kunst und Kultur aus der öffentlichen Hand so zu unterstützen, dass sie ihren Zweck – siehe oben – erfüllen kann. Nicht aus Großzügigkeit, nein, sondern aus der Einsicht, dass eine starke Demokratie auch aus Kunst entsteht. So geht es bei den Forderungen der Künstlerinnen und Künstler also nicht so sehr um ihr Auskommen, sondern um unser aller Leben in einer lebenswerten Welt.