Auf Umwegen zur Psychotherapeutin

Helen Mendl machte als internationale Beraterin Karriere. Nach einem Burnout ließ sie sich zur Psychotherapeutin ausbilden.
Bregenz In ihrer Jugend war Helen Mendl (heute 40) eine Revoluzzerin. “In der Schule war ich der Punk der Klasse. Ich hatte grüne Haare, war gepierct und wild. Ich war nicht der Liebling der Lehrer. Den Unterricht schwänzte ich öfters. Trotzdem schrieb ich gute Noten.” Die Matura an der katholischen Privatschule Marienberg abzulegen, war das Ziel der Lochauerin. “Danach, so wusste ich, konnte ich machen, was ich will.”
Schon als Schülerin hatte Helen einen Traum. “Ich wollte international arbeiten und durch die Welt jetten.” Nach der Matura begann sie ein Dolmetschstudium. “Ich studierte Russisch. Nach der ersten Diplomprüfung legte ich eine Pause vom Studium ein.” Das Studium hatte für sie nicht gehalten, was es versprach. Die junge Frau arbeitete nun im Gastgewerbe. “Ich war Rezeptionistin in einem Hotel in Innsbruck. Später dann kellnerte ich eine Saison lang am Arlberg.”

Doch Helen wollte mehr. Sie absolvierte ein dreijähriges Studium am MCI Management Center Innsbruck. Danach machte sie – wie man landläufig sagt – Karriere. “Zuerst leitete ich ein Hotel in der Innsbrucker Innenstadt. Dann warb mich eine internationale Unternehmensberatung ab.” Ihr Job war es nun, mit verschiedenen Regierungen nachhaltige Tourismusprojekte zu entwickeln und dafür Investoren zu finden. Für diese Beratertätigkeit reiste sie quer über den Globus. Unter anderem war sie in Afrika, in der Karibik und in Zentralasien. “Es war mega”, sagt sie und denkt gern an diese Zeit zurück. Aber irgendwann überforderten sie die ständigen beruflichen Reisen. “Außerdem musste ich mich als Frau doppelt beweisen. Das war anstrengend.”
Helen schlitterte 2017 in ein Burnout. “Nach einem Nervenzusammenbruch suchte ich die Klinik auf. Dort kam ich zu einem guten Psychiater.” Dieser empfahl ihr eine Psychotherapeutin. “Sie half mir mit regelmäßigen Gesprächen aus dem Burnout. Das dauerte eineinhalb Jahre. Ich bin dann aber noch einige Jahre weiter zur Psychoanalyse gegangen, weil es mir für meine Weiterentwicklung guttat.”

Je länger sie zur Therapie ging, desto klarer wurde ihr, was sie wollte. In ihr reifte der Entschluss, selbst Psychotherapeutin zu werden. “Ich habe in der Therapie viel Heilsames erfahren. Mein Anliegen ist es, anderen Menschen zu ermöglichen, was ich selbst erlebt habe.” Zielstrebig und mit Ehrgeiz absolvierte Helen das psychotherapeutische Propädeutikum, also die allgemeine Grundausbildung, die vor der fachspezifischen Ausbildung gemacht wird.
Dann der Schock: Im Juni 2023 erkrankte Helen lebensbedrohlich. “Aufgrund einer Zyste im Unterleib kam es bei mir zu inneren Blutungen im Bauchraum. Sie wurden spät entdeckt.” In allerletzter Minute konnten die Ärzte ihr Leben mit einer Notoperation retten. “Nachdem ich fast gestorben wäre, wurde mir klar, welche Therapieschule ich erlernen wollte. Ich entschied mich für die Existenzanalyse, weil diese die Endlichkeit im Blick hat und trotzdem hilft, Sinn zu finden.”

Vor einigen Tagen eröffnete Helen Mendl ihre psychotherapeutische Praxis in Bregenz. Die 40-Jährige ist als Psychotherapeutin noch in Ausbildung und arbeitet unter Supervision. “Ich muss noch mindestens 600 Therapiestunden absolvieren, um die Ausbildung komplett abzuschließen.” Helen hofft nun, dass viele Menschen den Weg zu ihr finden. “Denn Therapie ist heilsam.”
Helen Mendl
geboren 12. Dezember 1985 in Bregenz
Wohnort Lochau
Familie verheiratet mit Michael
Hobbys Malen, Zeichnen, Flöte spielen