Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr

02.08.2026 • 10:22 Uhr
Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Reingard Pichler mit ihrer gehandicapten Tochter Ursula.

Reingard Pichler (75) zog ein Mädchen mit schwerer Beeinträchtigung groß. Auch fünf Jahre nach dessen Tod denkt sie noch oft an Ursula.

Lustenau Die Vorfreude auf ihr erstes Kind war groß bei den Stickereizeichnern Reingard und Werner Pichler aus Lustenau. Doch die Geburt verlief nicht ohne Komplikationen. “Unser Mädchen kam in Steißlage zur Welt. Es war blau angelaufen und schrie nicht”, erinnert sich seine Mutter Reingard. Die Prognose eines Arztes, dass ihre Tochter wohl nicht lange leben würde, war nur eine der niederschmetternden Nachrichten, die die damals jungen Eltern verkraften mussten. Man sagte ihnen auch, dass ihr Kind infolge von Sauerstoffmangel eine schwere Hirnschädigung davongetragen hätte und es zeitlebens auf Hilfe angewiesen sein würde. In diesem Fall behielten die Ärzte leider recht.

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Reingard Pichler hält Tochter Ursula in ihren Armen.

Ursula, die auch unter Epilepsie litt, konnte Zeit ihres Lebens nicht sprechen, nicht sitzen, nicht gehen und nicht selbstständig essen. “Sie blieb auf dem Entwicklungsstand eines etwa drei Monate alten Babys. Mein Mann wickelte sie mittags und abends. Wenn mich Werner nicht unterstützt hätte, wäre ich überfordert gewesen”, gibt Reingard zu. Lange hofften die Pichlers, dass sich der Zustand ihrer Tochter verbessert, doch trotz zahlreicher Therapien war dem nicht so.

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Reingard Pichler verlor im Jahr 2021 ihre Tochter Ursula und ihren Mann Werner. Inzwischen hat die Witwe ihre Lebensfreude wiedergefunden. Philipp Steurer

Mit Ursula hatte ihnen das Leben eine große Herausforderung auferlegt. Trotzdem beschloss das Ehepaar, die Familie zu vergrößern. Vor allem Reingard wünschte sich noch mehr eigene Kinder. “Ich habe Kinder fürs Leben gern.” Ursula musste nicht allein aufwachsen. Mit Ulrike, Uwe und Julia hatte sie drei gesunde Geschwister, die ihr beschwerliches Dasein erhellten. Freilich: Die Pichlers hatten nun alle Hände voll zu tun. “Ich hatte drei Wickelkinder gleichzeitig und bin nicht selten mit zwei Kinderwagen spazieren gegangen”, erzählt die heute 75-Jährige.

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Ursula kam nie über den Entwicklungsstand eines drei Monate alten Babys hinaus.

Als Ursula aber ins Erwachsenenalter kam, kam Reingard an ihre Grenzen. “Ursula war jetzt so schwer, dass ich sie nicht mehr allein hochheben konnte.” Schweren Herzens beschlossen die Eltern schließlich, ihre inzwischen 28 Jahre alte Tochter in ein Wohnheim der Lebenshilfe in Hard zu geben. “Wir haben sie regelmäßig besucht. Sie wurde dort bestens betreut und umsorgt.”

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Da waren die vier Kinder der Pichlers noch klein.

Zunächst besuchte Ursula untertags noch eine Werkstätte der Lebenshilfe, doch dann wurde sie zunehmend schwächer. “Weil sie das Essen verweigerte, musste ihr eine Magensonde eingesetzt werden. Zum Schluss wog sie nur mehr 28 Kilo.” Zuletzt setzte ihr auch ein Oberschenkelbruch zu, der wegen ihrer fragilen Knochen nicht operiert werden konnte.

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Reingard und Werner Pichler hielten fest zusammen und meisterten gemeinsam die Herausforderungen des Lebens.

Die Menschen, die ihr nahestanden, erkannten, dass sie keinen Lebenswillen mehr hatte. “Ursula lachte nicht mehr und spielte auch nicht mehr mit ihrer Rassel.” Am 29. Mai 2021 starb die 46-Jährige. Mit ihrem Tod ging ein Leben zu Ende, das ihre Familie vor große Herausforderungen stellte und sie zugleich tief miteinander verband. Nur fünf Monate nach Ursulas Tod, am 25. Oktober 2021, musste Reingard abermals einen schweren Verlust verkraften. Ihr Mann Werner, mit dem sie 49 Jahre verheiratet war, starb mit 71 Jahren an einem Herzstillstand.

        

Ursula hatte keinen Lebenswillen mehr
Reingard und Werner Pichler heirateten am 25. Oktober 1972. Das Paar bekam vier Kinder.