Kommentar: Wer wird angerufen?

26.10.2026 • 12:00 Uhr
Kommentar: Wer wird angerufen?
VN-Kommentatorin Helga Boss.

Das Kind hat Fieber, die Schule greift zum Telefon. Gewählt wird in aller Regel die Nummer der Mutter. Beim Elternabend sitzen vor allem Frauen. Niemand hat das so beschlossen. Es passiert einfach.

Der neue Vorarlberger Gleichstellungsbericht zeigt, was daraus wird: 82 Prozent der Mütter arbeiten Teilzeit, über alle Beschäftigten verdienen Frauen 44 Prozent weniger als Männer. Das ist der höchste Wert Österreichs. Ganztags in Krippe oder Kindergarten sind nur 13,4 Prozent der betreuten Kinder, österreichweit 55,7 Prozent. Am Angebot allein liegt es nicht: Fast neun von zehn Einrichtungen im Land haben ganztags geöffnet.

Warum bleibt es liegen? Eine Antwort geben Christine Geserick und Sabine Buchebner-Ferstl vom Österreichischen Institut für Familienforschung. 51,7 Prozent der Vorarlberger Männer und 30 Prozent der Frauen meinen, ein Kind im Vorschulalter leide, wenn die Mutter arbeitet. Dass die Mutter eines Zweijährigen Vollzeit arbeitet, halten nur 2,7 Prozent der Frauen für ideal. Kein Bundesland denkt traditioneller.

Rollenbilder sind auch ein Rahmen. Wir bauen ihn täglich mit, freundlich und ohne Absicht. Die Managerin wird gefragt, wie sie das mit den Kindern schafft. Ihr Kollege wird gefragt, wie das Geschäft läuft. Der Vater, der mittags am Kindergartentor steht, wird belächelt oder bestaunt. Die Mutter, die um fünf noch im Meeting sitzt, gilt als Rabenmutter. Der Mann in Teilzeit hat wohl keinen Ehrgeiz. Und das Kind im Ganztag ist “das Arme” oder wurde “verstellt”, wie man hierzulande sagt.

Mütter trifft es dabei von allen Seiten. Die Studie des ÖIF beschreibt drei Bilder, die alle Kritik ernten: die “Gluckenmutter” daheim, die “Karrierefrau” und die “gemütliche Mutter”, die daheim ist und trotzdem Betreuung nutzt. Richtig machen kann es keine. Wer sich ständig rechtfertigen muss, wählt irgendwann den Weg mit den wenigsten Fragen. In Vorarlberg heißt er Teilzeit.

Das Land kündigt einen Aktionsplan an, und der ist nötig. Die Frage lautet aber nicht nur: Was tut die Politik? Sie lautet: Was tue ich?

In der Schule beide Telefonnummern hinterlegen, die des Vaters zuerst. Die Frage “Wie schaffst du das?” beiden Eltern stellen oder keinem. Den Papa am Kindergartentor nicht bewundern, sondern grüßen. Die Kollegin mit Kindern ins Projekt holen, statt für sie zu entscheiden, dass es zu viel wäre. Und weder “verstellt” sagen noch “die arme Kleine im Ganztag” denken.

Wahlfreiheit gibt es erst, wenn keine Wahl eine Rechtfertigung braucht. Eine Wahl haben wir alle jeden Tag: was wir denken, was wir sagen, wen wir anrufen. Veränderung beginnt bei uns. Aus vielen kleinen Entscheidungen wird eine neue Richtung.

Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.