„Das sind die Produzenten der Krise“

Schriftsteller Robert Menasse erklärt in Lech, wie Europa funktionieren könnte.
Lech. Wenn ein Schriftsteller sich in die Europa-Metropole Brüssel begibt, dann kann er was erleben. Was, das erzählte gestern Robert Menasse beim „Mediengipfel am Arlberg“ den Mitgliedern des Verbandes der Auslandskorrespondenten in der Sonnenburg in Oberlech. Nachgefragt hat die Europa-Journalistin Margaretha Kopeinig, die es nicht immer ganz einfach hatte, ihren Gesprächspartner im Zaum zu halten. Zu groß ist seine Freude am Erzählen, am Berichten.
Unglaubliches hat er in Brüssel erlebt. Ein Europäischer Rat, der alles andere als demokratisch legitimiert ist, wie Menasse feststellt: „Die Mitglieder wurden wohl in ihrem jeweiligen Heimatland gewählt, aber nicht auf europäischer Ebene“, spricht er den Regierungschefs jegliche Entscheidungsgewalt ab. Und konstruktiv sei das Gremium auch nicht: „Das sind doch die Produzenten der Krise“, analysiert er, „die haben eine gemeinsame Währung geschaffen, aber keine gemeinsame Finanzpolitik.“
Die nationale Politik, die im Rat betrieben werde, verunmögliche jegliche konstruktive Arbeit, erklärt er nach seiner Recherche in Brüssel, die schlussendlich zu einem Roman führen sollte. Ein Roman, in dem ein EU-Beamter die Hauptrolle spielen wird. Noch ist das Buch nicht geschrieben. Inzwischen ist schon mal der viel beachtete Essay „Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas“ erschienen, in dem er viele Klischees über die EU-Bürokratie revidiert. Mit großer Verve setzt er sich deshalb für die Kommission ein, die, „obwohl beamtet“, weit konstruktiver für die Idee Europa arbeite als die Regierungschefs, die ihre egoistischen nationalen Suppen kochten. Es könne doch nicht sein, so Menasse, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wichtige Entscheidungen verzögere, „nur weil in Deutschland Provinzwahlen anstehen“.
Er wettert freilich nicht nur, er bietet auch Lösungen an: „Die Nationalstaaten sind am Absterben. Man sollte sie in Bezirke, in Regionen aufteilen und darüber die supranationalen EU-Organisationen setzen.“ Er ist überzeugt, dass das funktioniert, weil sich die Menschen schon immer eher der Region als dem Staat zugehörig fühlten.
Mediengipfel in Lech
„Europa neu denken! Wo bleibt der Wille zum Wandel?“ ist das Thema des sechsten Treffens des „Verbandes der Auslandspresse“ in Lech. Die Journalisten diskutierten mit prominenten Denkern und Politikern wie dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf, EU-Kabinettschef Michael Köhler oder Martin Pollack über Euro, Energie und Politik. Die Veranstaltung, die heute endet, wird von den Vorarlberger Nachrichten unterstützt.