So einen Anfang glauben wollen
Was für ein Anfang. Verwundert reiben wir uns die Augen. Wie konnte dieser Papst die geschmähte Kirche so ruckartig aus dem Imagetief reißen? Selbst Zyniker sehen die Bilder des alten Mannes, der jugendlichen Kriminellen die Füße wäscht, und murmeln im Vorübergehen: Find ich gut.
Aber vielleicht liegt es auch an uns. Vielleicht haben wir einfach genug von Menschen, die entscheiden sollten, aber nur herumlavieren. Genug davon, dass alles Handelsware wird, und die Wahrheit ist längst unbezahlbar. Vielleicht ertragen wir diese dürftigen Gestalten nicht mehr, denen jedes Viertelprozent an Verlust Schweißperlen auf die Stirn treibt. Der Mann in Rom scheint anders. Vor dem Konklave warf er der Kirche vor, sie kreise nur mehr um sich selbst. Das sei ihr Problem. Sie müsse rausgehen an die Ränder der menschlichen Existenz. Dort werde sie gebraucht. Nur wer nicht gewählt werden will, sagt so laut die Wahrheit. Und jetzt macht es Spaß, zuzusehen, wie die Würdenträger reihenweise ihre goldenen Brustkreuze verschwinden lassen. Blech kommt überraschend in Mode.
In seiner unverblümten Art erinnert Franziskus an all die Dinge, die unserem Leben einmal Bestand verliehen. Beziehungen sind brüchig geworden. Die Gier, es könnte immer noch was Besseres kommen, erstickt jede Langfristigkeit im Keim. Ehemals ehrbare Verträge riechen nach Trickbetrügereien. Wir trauen einander nicht mehr. Der eigenen Familie nicht, Fremden sowieso nicht. Chef und Arbeitnehmer stehen einander wie Feinde gegenüber.
Dabei würden wir so gerne vertrauen, dass wir anfällig werden für einfache Wahrheiten, und das ist gefährlich. Denn die Welt ist komplizierter denn je, wir aber haben die Bedenkenträger satt. Handeln statt Reden, wie befreiend wäre das denn? Eine Professorin hat bemängelt, dieser Papst sei ihr „noch zu wenig theologisch“. Aber gelangt alle „Theo-logie“, das Reden von Gott, nicht erst im Tun zur Vollendung? Haben wir nicht schon viel zu viel geredet? In großartigen Gedankengebäuden stets neu formuliert, wie es sein sollte?
Dieser Papst sagt zu den Priestern: Seid Seelsorger, nicht Verwalter! Gut, einen Pfarrer kurz vor dem Burn-out mag die Wut packen. Aber es ist was dran: Rausgehen zu den Menschen tut not. Die frohe Botschaft ist jedem zugedacht. Der Papst hat am Karfreitag im Gefängnis auch einem muslimischen Mädchen die Füße gewaschen. Unterschiede macht er nicht. Wenn uns der Irre in Nordkorea nicht vorzeitig aus den Schuhen bombt, könnte es tatsächlich Frühling werden, auch in uns.
thomas.matt@vn.vol.at, 05572/501-724
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