Vatikan macht wieder Politik
Am Vorabend eines möglichen militärischen Eingreifens der USA in Syrien mit unabsehbaren Folgen kehrt der Vatikan auf das diplomatische Parkett zurück. Was kann eine Kirche heute noch ausrichten, mag man fragen? Militärisch nichts. Die Zeiten sind vorbei. Der Papst kommandiert mit 110 Schweizergardisten die kleinste Armee der Welt. Aber die über 300 Jahre alte päpstliche Diplomaten-Akademie an der Piazza della Minerva bringt bis heute Spitzenkräfte hervor. Ihr neuer Chef hat sie einst selber besucht. Sein Name ist dieser Tage in aller Munde. Pietro Parolin packt in Caracas gerade die Koffer. Er ist erst 58 Jahre alt, noch nicht einmal Kardinal, aber ab 15. Oktober wird er als zweiter Mann hinter Papst Franziskus in Rom die Fäden ziehen.
Noch sucht sein Vorgänger, Kardinal Tarcisio Bertone, seine Amtszeit in ein günstigeres Licht zu rücken. Sieben Jahre lang diente er Benedikt XVI. als Regierungschef. Beide hatten schon in der Glaubenskongregation eng zusammengearbeitet. Der 78-jährige promovierte Kirchenrechtler aus Turin zeichnete sich nicht durch übertriebenes politisches Gespür aus. Weder die Missbrauchsskandale noch die „Vatileaks“-Affäre hat sein Staatssekretariat in den Griff bekommen.
Die Ernennung des für die katholische Kirche fast unanständig jungen Karrierediplomaten Parolin lässt erahnen, dass es dem Papst um mehr geht als um kircheninterne Aufräumarbeiten. „Nie wieder Krieg“ hat Franziskus vor Tagen gefordert. Vor einem Weltkrieg hat er gewarnt, der unbedacht in Syrien entfacht werden könnte. Und die 1,2 Milliarden Katholiken der Welt zu einem Gebetstag aufgerufen. Aber man hat auch noch gut Franziskus’ Credo der ersten Tage in Erinnerung: Beten allein genügt nicht. Wer den Frieden will, muss etwas dafür tun.
Unter Johannes XXIII. hat der Vatikan auf diplomatischem Wege zur Lösung der Kubakrise und unter Johannes Paul II. entscheidend zum Niedergang des Ostblocks beigetragen. Seit seinem Amtsantritt lässt Franziskus deutlich erkennen, dass auch er die Politik nicht länger den Mächtigen überlassen will. Pietro Parolin kommt da als ausgewiesener Experte für den Nahen Osten und Asien nicht zufällig zum Zug. Schließlich hat der derzeitige Nuntius in Venezuela sein Geschäft seinerzeit beim Meister persönlich, bei Agostino Casaroli, gelernt.
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