Nicht ganz so betroffen
Anschlag in Paris, 130 Menschen getötet. Anschlag in Brüssel, 32 Menschen getötet. Anschlag in Orlando, 49 Menschen getötet. Anschlag an Silvester im Club „Reina“ in Istanbul, 39 Menschen getötet. Anschlag in Jerusalem, vier Menschen getötet. Anschlag in London, vier Menschen getötet. Die traurige Liste ließe sich weiter fortsetzen. Bei all diesen Terror-Attentaten reagierte die Welt geschockt und solidarisch, das Brandenburger Tor in Berlin leuchtete in den jeweiligen Landesfarben der betroffenen Staaten. Beim Orlando-Angriff, dem vor allem Homosexuelle zum Opfer fielen, war es in die Farben der Regenbogen-Flagge getaucht. Das ist gut und richtig so.
Anders aber beim Anschlag in St. Petersburg, 14 Menschen getötet. Eiffelturm und Brandenburger Tor blieben am Tag der Attacke, wie sie waren. Die lapidare Begründung aus Berlin: St. Petersburg sei eben keine Partnerstadt. Orlando ist das aber auch nicht, genauso wenig wie Jerusalem. Das erweckt den Eindruck, dass es für die fehlende Solidaritätsbekundung andere Gründe gibt.
Selbst wenn diese Geste nur als Symbol-Politik gesehen wird, so ist die Vorgangsweise doch moralisch falsch. Bei aller berechtigten Kritik an der Kreml-Politik haben Terroropfer aus Russland nämlich nicht weniger Mitgefühl verdient. Auch in St. Petersburg haben Menschen ihre Freunde und Verwandten verloren, sind Unschuldige auf der Fahrt zur Arbeit oder nach Hause mitten aus ihrem Leben gerissen worden. Selbst jene, die nicht betroffen waren, leiden darunter, dass sie sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen können, dass sie sich beim alltäglichen Einsteigen in die U-Bahn fragen müssen, ob sie nicht die Nächsten sind, die einer grausamen Attacke zum Opfer fallen.
Der Zynismus, der an den Tag gelegt wird, wenn Menschen im Irak oder Syrien einem Terroranschlag zum Opfer fallen, ist schon schlimm genug. Und so manch einer mag geografische Nähe für mangelnde Betroffenheit anführen. Aber auch das ist in diesem Fall kein Argument. Immerhin ist St. Petersburg wenige Flugstunden von Österreich entfernt, es liegt nahe der finnischen Hauptstadt Helsinki. Zahlreiche Touristen, auch aus Europa, besuchen die Stadt jedes Jahr.
Das wirft eine gefährliche Frage auf: Sind manche Terror-Opfer – womöglich aus politischen Gründen – mehr wert als andere? Die Antwort ist nein. Sie muss immer nein sein. Wenn Unschuldige sterben, egal wo, darf die Welt niemals schweigen. Die Russen brauchen unser Mitgefühl genauso wie die Türken, Franzosen, Belgier oder Iraker. Denn nur gemeinsam können wir dem Terrorismus entgegensetzen, was dieser mit jedem neuen Anschlag zerstören will: Menschlichkeit.
Selbst wenn diese Geste nur als Symbol-Politik gesehen wird, so ist die Vorgangsweise doch moralisch falsch.
magdalena.raos@vn.at, 05572/501-187
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