Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Schleichendes Gift

Politik / 05.02.2020 • 06:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Gefahr kommt oft unerwartet und schleichend. Im Moment ist es ein Virus, das unsere hochkomplexe Zivilisation bedroht. Millionenstädte sind abgeriegelt, das öffentliche Leben ist erloschen. An den Börsen wurden inzwischen Aktienwerte in Milliardenhöhe vernichtet. So schnell strauchelt eine Weltmacht, die dennoch verzweifelt Stärke und Handlungsfähigkeit demonstrieren will.

„Die zentrale Schwäche eines autoritären Systems ist weniger die Unterdrückung von Widerspruch, sondern vielmehr die abwartende Haltung.“

Dabei hat die chinesische Führung noch Glück. Ihre Bevölkerung stellt private Freiheiten weit weniger über das Kollektiv, als es etwa Europäer tun. So wäre es kaum vorstellbar, dass wir derart diszipliniert auf Ausgangssperren, Feierverbote und Einstellung des öffentlichen wie privaten Verkehrs reagieren. Das widerspricht unseren Vorstellungen von Demokratie ebenso wie eine lückenlose Überwachung des Staates bis ins Privatleben, die dort ganz offen und transparent erfolgt.

Keine Selbsthilfe

In den letzten Tagen wurde in China erste Kritik an den Behörden öffentlich, die Wut der Bevölkerung wächst. Die zentrale Schwäche eines autoritären Systems ist aber weniger die Unterdrückung von Widerspruch, sondern vielmehr die abwartende Haltung. Alle blicken stets nach oben und warten auf Befehle. Kommen keine oder die falschen, ist die Bevölkerung kaum in der Lage, sich selbst zu organisieren. Ganz anders der Zugang des österreichischen Gesundheitsministers. Rudi Anschober meinte, jeder müsse selbst das Risiko einer Reise nach China einschätzen. Dennoch wurden mit großem Aufwand sieben Österreicher aus der betroffenen Region ausgeflogen. Die Republik scheut keine Kosten und Mühen für die eigenen Staatsbürger. Und das ist gut so.

Alle Menschenleben zählen

Falsch ist es aber, wenn anderen Menschen in Not überhaupt keine Mittel mehr bereitgestellt werden. Nicht anderes bedeutet die Forderung von Sebastian Kurz, die EU-Marinemission „Sophia“ endgültig zu beenden. Es gehört auch zu den Fundamenten einer Demokratie, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist. Dies sollten wir alle bedenken und von der Politik gemeinsame Anstrengungen einfordern, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden.

Das Coronavirus bedroht aber auch auf einer anderen Ebene unsere Zivilisation. Menschen mit chinesischem Aussehen auszugrenzen, ist absurd und gleichzeitig Ausdruck unserer hilflosen Panik. Denn wir wissen nie, wann der sprichwörtliche umfallende Reissack in China auch bei uns ein Erdbeben auslöst. Wir erkennen aber ganz genau, dass Österreich sich gegen Gefahren allein nicht schützen kann. Selbst mit unüberwindbaren Mauern können nur Menschen ferngehalten werden. Viren überwinden alle Barrieren. Das schleichende Gift des Rassismus leider auch.