Besser spät als nie?

Politik / 11.11.2021 • 22:40 Uhr

„Better late than never“ – „besser spät als nie“ – ist eine der beliebtesten Spruchweisheiten der Engländer. Sie geht zurück auf die Canterbury Tales aus dem Jahr 1387 – und von dort gar auf das Jahr 27 v.Chr, die Sentenz „potiusque sero quam numquam“. Für Österreich hat diese Redewendung eine sehr eigene Bedeutung: Bekanntlich ist diese Nation mit der dunkelsten Phase ihrer Geschichte jahrzehntelang ziemlich nachlässig, oder eher: extrem fahrlässig umgegangen, indem sie sich auf aus der massiven Verantwortung für die NS-Verbrechen ausklinkte und das Mantra des „Ersten Opfers“ Nazideutschlands selbst österreichischen Diplomaten mit auf den Weg ins Ausland mitgab.

In Wien erfolgte ein Schritt in die richtige Richtung: Bundeskanzler Schallenberg und Nationalratspräsident Sobotka haben die „Namensmauer“ für 64.500 im Holocaust brutal ermordete österreichisch-jüdische Frauen, Kinder und Männer, eingeweiht. Vor Vertreibung und Ermordung hatten in Österreich 210.000 Juden gelebt. Das Datum – der 9. November – war keineswegs zufällig: Der Tag des schrecklichen Novemberpogroms 1938, von den Nazis zynisch als „Kristallnacht“ apostrophiert. Und dass das Denkmal in einem Park namens „Ostarrichi“ – dem historischen Namen für Österreich – zu stehen kam, war wohl eher ein Zufall, aber ein sinniger, ist doch der Holocaust ein nicht zu tilgender Teil der Geschichte Österreichs geworden. Der Shoah-Überlebende Kurt Yakov Tutter hatte jahrelang erfolglos für dieses Projekt gekämpft und erst 1938, im Gedenkjahr zum „Anschluss“, fand er Gehör. Aber auch sonst ist manches in Bewegung gekommen: Als schöne Geste bietet Österreich den Nachkommen der Opfer die Staatsbürgerschaft an. Das Angebot wurde bereits von 6000 Personen in Anspruch genommen. Und endlich macht man sich auch Gedanken über die Zukunft des Denkmals für den antisemitischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger, das große Vorbild Hitlers.

Dass die jüdischen Opfer, welche von den Nazis bewusst entmenscht und, mit eintätowierten KZ-Nummern auf dem Oberarm, gezielt entpersönlicht wurden, wieder ihre Namen zurückerhalten, ist entscheidend. Doch dies wäre nicht Österreich, wäre es nicht zugleich zwiespältig: Die Firma „Mörtingerbau“, mit den Fundamenten für die 170 Steintafeln betraut, hatte unter der NS-Herrschaft jüdische Zwangsarbeiter, die in den Todesmärschen aus Ungarn ins „judenreine“ Wien getrieben wurden, mit Schwerarbeit beschäftigt und damit oft zu Tode geschunden – unter ihnen Frauen und die „Kinderbrigade“. Ihre Namen figurieren nicht auf den Gedenktafeln.

„Den Opfern werden endlich ihre Namen zurückgegeben.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).