Nuklearmacht China

Politik / 05.01.2022 • 22:39 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Als Nuklearmacht war China, wenig überraschend, ein Nachzügler: China detonierte seine erste Atombombe erst im Jahr 1964 – knapp zwei Jahrzehnte nach Detonation der ersten A-Bombe über Hiroshima. China verfügte bis heute über ein weit geringeres Arsenal an Nuklearsprengköpfen als die Antagonisten des Kalten Krieges, USA und Sowjetunion, welche sich mit Tausenden von Raketen und Sprengköpfen in der MAD-Strategie – „Mutually Assured Destruction“ (garantierte gegenseitige Vernichtung) – in Schach hielten.

Chinas Pläne für eine massive und rapide nukleare Aufrüstung sind alarmierend. Das Pentagon kalkuliert, dass China sein gegenwärtig auf 200 Sprengköpfe geschätztes Nuklear-Arsenal in sechs Jahren auf 700 erweitern und bis 2030 auf 1000 verfünffachen könnte – wesentlich mehr, als westliche Geheimdienste bisher vermutet hatten, die lediglich von einer Verdoppelung ausgegangen waren. China ist dabei, eine „Triade“ aufzubauen und wird bald in der Lage sein, Raketen mit nuklearen Sprengköpfen vom Land, aus der See und der Luft (von ihren Bombern vom Typ H-6N) abzufeuern. Besonders aufsehenerregend ist die erst kürzlich bekannt gewordene Entwicklung eines Hyper-Überschall-Missiles, das, auf eine konventionelle Rakete montiert, einen nuklearen Sprengkopf mit extrem hoher Geschwindigkeit und unter Vermeidung von Raketenabwehrsystemen ins Ziel bringen kann. Laut dem Vorsitzenden der amerikanischen Generalstäbe, General Mark Milley, ist die Nachricht über diese chinesische Neuentwicklung nur mit dem „Sputnik-Schock“ der Amerikaner 1957 vergleichbar.

Obwohl die Chinesen ihre Doktrin, auf einen nuklearen Erstschlag zu verzichten, offiziell beibehalten, hat sich diese in einem wesentlichen Punkt geändert: Statt auf einen feindlichen Nuklearangriff mit einem Gegenschlag zu reagieren, will China künftig seine Nuklearmissiles im Sinne eines Präventivangriffs bereits nach ersten Anzeichen einer atomaren Attacke lancieren, noch bevor die gegnerischen Raketen tatsächlich auf chinesischem Territorium eingeschlagen haben. Chinas Präsident Xi Jinping hat angekündigt, dass er bis 2049, zum 100. Jahrestag der kommunistischen Machtergreifung, eine „Weltklasse-Militärmacht“ auf die Beine stellen will, um die „Wiederherstellung der nationalen Größe Chinas“ zu untermauern. Alle Anzeichen weisen darauf hin, dass dieses gigantische Projekt in besorgniserregendem Ausmaß Gestalt annimmt.

„Chinas Pläne für eine massive und rapide nukleare Aufrüstung sind alarmierend.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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