Der Nächste, bitte!
Wenn führende Politköpfe in den Bundesländern der Ruf nach Wien ereilt, dann macht sich nicht immer Freude breit. Jedem ist klar, wie kurzfristig das Spiel auf der hellsten Bühne sein kann, da muss man nicht einmal bei Kurzzeitminister Michael Linhart nachfragen. Es gibt dann auch zig Parteifreunde, die einem die gleiche Schallplatte auflegen: “Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund, die Sonne brennt dort oben heiß.”
Für Johannes Rauch, er wird im April 63, trifft das nicht zu. Er weiß, was auf ihn zukommt. Dafür ist er viel zu lange dabei. Eigentlich hatte er sich langsam auf den Politruhestand vorbereitet. Innerhalb der Bundesgrünen ist er “der Johannes”, ziemlich mächtig und sehr respektiert. Aber eben im exotischsten Bundesland zuhause, weit weg am Bodensee. Seinen Nachfolger hat er daheim sukzessive aufgebaut, über Jahre. In Interviews musste er immer wieder bekräftigen, bis zum Ende der Amtszeit 2024 im Amt zu bleiben. Vom parlamentarischen Rauswurf der Grünen bis zur Wiederauferstehung und dem Regierungseinzug: Er hat alles getan und gesehen und wies gerne darauf hin. Rauch hat die Prototypkoalition mit der ÖVP seiner Bundespartei vorgelebt. Er selbst stand am Beginn eines politischen, wohlverdienten Fade-Outs.
Einen Ausschlag zur Kehrtwende mag auch gegeben haben, dass seine Gattin, die Vorarlberger SPÖ-Chefin Gabriele Sprickler-Falschlunger (65), in die Politik zurückkam, um die Vorarlberger Sozialdemokratie (oder das, was von ihr übrig geblieben ist) zu retten. Rauch und Sprickler-Falschlunger heirateten am 23. Dezember des Vorjahres. Sie rettet die Roten, er das Gesundheits- und Sozialressort. Nun wird schon der nächste Treueschwur fällig: bei der Angelobung bei “Sascha”, wie Freunde zum Bundespräsidenten sagen.
Es wäre der richtige Zeitpunkt, die Frage zu stellen, ob Gesundheit und Soziales nicht zu viel für ein Ministerium sind. Ob der thematische Zuschnitt, vor der Pandemie gewählt, überhaupt noch passend ist. In anderen Worten: ob der Job durchzustehen ist. Rudolf Anschober führte Österreich durch die Krise, wurde regelrecht aufgerieben von politischen Interessen der ÖVP aus Bund, Land und Wirtschaft. Schon vor einem Jahr hätte Rauch nach Wien wechseln können. Es wurde allerdings Wolfgang Mückstein, dem man bald auch bei den Grünen attestierte, halt Arzt und kein Politiker zu sein.
Das ist bei Johannes Rauch genau andersrum. Er ist Vollblutpolitiker. Nun kommt ein enger Verbündeter von Vizekanzler Werner Kogler in die Regierung, einer, der Leonore Gewessler bewundert, einer der auch mal mit dem Koalitionspartner streiten will. Er muss auch um die neue Phase der Pandemiepolitik streiten, denn aktuell lassen wir die Infektionswelle völlig laufen und öffnen am morgigen Samstag fast ganz. Wo wir erst diese Woche einen Höchststand an Infektionen verzeichneten.
Rauch kann sich darauf berufen, dass es notwendig war, innenpolitische Verantwortung zu übernehmen. Und so ist Rauch weg, noch bevor die von ihm versprochenen Züge angekommen sind.
In Vorarlberg ist sein politisches Erbe gut organisiert. Die Grünen müssen sich noch zu der Entscheidung durchringen, dass eine Doppelspitze doch auch nur eine verschobene Entscheidung ist. Daniel Zadra hat das Zeug, die Koalition weiterzuführen. Er hat die Möglichkeit, sich Sporen für die Landtagswahl in eineinhalb Jahren zu verdienen.
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