Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Die Geburt der Ukraine

Politik / 03.03.2022 • 06:29 Uhr

Was auch immer sich der neue Kriegsherr im Osten Europas gedacht haben mag, als er den ersten Angriffskrieg in Europa seit 1945 vom Zaun brach: Er hat damit die Ukraine noch einmal, und wirkungsvoller als je zuvor, begründet.

Die Katastrophe, die sich gleichsam in Zeitlupe und scheinbar unaufhaltsam vor unseren Augen abspielt, mag das russische Militär irgendwann zu einem „Sieg“ erklären. Doch wenn Putins Absicht darin bestand, eine „gar nicht vorhandene Nation“ wieder heim ins russische Reich zu führen, dann hat er diesen Krieg schon in den ersten Tagen seiner Aggression verloren. Die in endlosen Kolonnen aufmarschierten Panzer werden Kiew und andere ukrainische Städte womöglich in Trümmerlandschaften verwandeln. Und vielleicht auch ein neues Marionettenregime hinterlassen, das über die Ruinen herrscht. Das schreibt sich so „leicht“, während man weiß, dass dort gerade Menschen, die ich kenne, dabei sind, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Und dann hat man keine Lust weiter zu schreiben, sondern will eigentlich nur noch heulen.

„Aber das sind Dinge, die Putin auf seinem Weg in den eigenen Untergang wohl gerne in Kauf nimmt. Wie auch den wirtschaftlichen Ruin.“

Die Ukraine ist, anders als Putin es sich vorstellt, tatsächlich immer ein umstrittenes, ein von allen Seiten beanspruchtes, ausgebeutetes und verheertes Land gewesen. Polen, Litauer und Russen, Habsburg-Österreich und auch das osmanische Reich haben das Land immer wieder unter sich aufgeteilt, Vasallen darin gesucht, die Menschen die dort lebten, gegeneinander ausgespielt, unter dem Vorwand, sie zu beschützen. Einig war man sich am ehesten dann, wenn man über die Juden herfallen konnte, die dort lebten.

Die Geschichte hat ein innerlich zerrissenes Land hinterlassen. Aber 1991 haben dennoch über 90 Prozent der Menschen für die Unabhängigkeit gestimmt. 30 Jahre später schafft Putins Überfall, schaffen die Bomben auf Charkiw und Kiew nun den Mythos dazu, der die Menschen des Landes verbindet. In dessen Gefolge kommt einiges Hässliche auf uns zu: neue Aufrüstung, nationalistische Töne. Aber das sind Dinge, die Putin auf seinem Weg in den eigenen Untergang wohl gerne in Kauf nimmt. Wie auch den wirtschaftlichen Ruin.

Wohl weniger auf dem Regieplan Putins steht die Tatsache, dass die Europäische Gemeinschaft in diesen Tagen wieder einmal lernt, dass nur gemeinsames Handeln noch etwas hilft. Nicht zuletzt auch: Auswege zu suchen aus der Korrumpierbarkeit durch Gas und Öl und dessen Lieferanten. Da nützen Wirtschaftskammerproteste gegen CO2-Steuern wenig. Nur endlich ein Umdenken, was unseren Umgang mit Energie angeht.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.