Ukraine: Mariupol und Kiew im Fokus der Angriffe

Politik / 10.03.2022 • 17:40 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ukraine: Mariupol und Kiew im Fokus der Angriffe
Dieser Screenshot aus einem Video der ukrainischen Polizei soll belegen, dass sich Zivilisten in der Geburtsklinik aufhielten. Handout / National Police of Ukraine / AFP

Glaubt man ukrainischen Quellen, kommen immer mehr zivile Ziele unter Beschuss.

Kiew, Moskau Die von russischen Truppen belagerte Hafenstadt Mariupol bleibt umkämpft. Während Russland betont, keine zivilen Ziele anzugreifen, meldet der Stadtrat Luftangriffe auf Wohnhäuser und die Technische Universität. Auch eine Geburtsklinik der 400.000-Einwohner-Stadt wurde beschossen. Moskau ist überzeugt, dass sich rechtsradikale Kämpfer im Krankenhaus befanden, Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von russischen Lügen. “Das sind Kinder, Frauen, medizinische Mitarbeiter”, sagte der Staatschef. 17 Personen seien allein bei dem Angriff verletzt, drei getötet worden. Humanitäre Korridore aus der Stadt sind bislang gescheitert.

Zum Ärger Moskaus twitterte UN-Generalsekretär António Guterres am Mittwoch: “Der heutige Angriff auf ein Krankenhaus in Mariupol, Ukraine, wo sich Entbindungs- und Kinderstationen befinden, ist entsetzlich.” Bei dieser Darstellung blieben die Vereinten Nationen auch am Donnerstag: Die Informationen für den Tweet von Guterres beruhten auf eigenen Informationen der UN, sagte Sprecher Stephane Dujarric der Deutschen Presse-Agentur. “Wir stehen zu dem, was wir gesagt haben.”

Der Kreml in Moskau kündigte eine Untersuchung an. “Wir werden unser Militär fragen, weil wir keine genauen Informationen darüber haben, was dort passiert ist”, sagte Sprecher Dmitri Peskow. Und Außenminister Lawrow behauptete: “In diesem Entbindungsheim (…) gibt es seit langem keine Frauen, keine Kinder, keine Pfleger mehr.”

Zerstörte Panzer in Browary im Nordosten Kiews. Eine russische Speerspitze nähert sich der ukrainischen Hauptstadt seit Tagen von Nordosten, um Kiew von zwei Seiten unter Druck zu setzen. <span class="copyright">AP/Felipe Dana</span>
Zerstörte Panzer in Browary im Nordosten Kiews. Eine russische Speerspitze nähert sich der ukrainischen Hauptstadt seit Tagen von Nordosten, um Kiew von zwei Seiten unter Druck zu setzen. AP/Felipe Dana

Während ein Treffen der Außenminister von Russland und der Ukraine am Donnerstag ergebnislos verlief, hat sich die ukrainische Hauptstadt Kiew für einen russischen Großangriff gerüstet gezeigt. “Kiew ist in eine Festung verwandelt worden”, sagte Bürgermeister Vitali Klitschko im ukrainischen Fernsehen. Unterdessen gab es weiter Bemühungen Zivilisten aus den umkämpften Gebieten zu evakuieren. In der belagerten Stadt Mariupol dürfte dies jedoch erneut gescheitert sein.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs setzten die russischen Streitkräfte in der Nacht auf Donnerstag ihre “offensive Operation” zur Einkesselung der Hauptstadt fort. AFP-Reporter sahen, wie gepanzerte russische Fahrzeuge am Nordostrand von Kiew auffuhren. Ukrainische Soldaten berichteten von schweren nächtlichen Gefechten um die Kontrolle über die Hauptzufahrtsstraße zur Hauptstadt.

“Das Hauptziel der Russen ist, Kiew zu erobern”, sagte Bürgermeister Klitschko. Auch die Regierung solle gestürzt werden. “Ich möchte sagen, dass diese Pläne nicht umgesetzt werden”, meinte er. “Jede Straße, jedes Gebäude, jeder Kontrollpunkt sind verstärkt worden”, sagte Klitschko im ukrainischen Fernsehen. “Kiew ist in eine Festung verwandelt worden.” Laut Klitschko flüchteten seit Kriegsbeginn bereits knapp zwei Millionen Bewohner aus der Hauptstadt: “Nach unseren Informationen hat einer von zwei Bewohnern von Kiew die Stadt verlassen.” Im Großraum Kiew lebten vor dem Krieg rund 3,5 Millionen Menschen.

Flüchtlinge in Wien

Derzeit kommen täglich rund 50 Züge aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn am Wiener Hauptbahnhof an, die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine mitbringen. Im Regelfall sind etwa 50 bis 80 Flüchtlinge in jedem Zug an Bord, und die meisten nutzen den Hauptbahnhof als Transitstation nach Deutschland. Einen Ausreißer gab es allerdings am späten Mittwochabend: Der Nachtzug aus Budapest war so überfüllt, dass eine Weiterfahrt mit allen Passagieren ein Sicherheitsrisiko dargestellt hätte. 300 Kriegsflüchtlinge wurden auf verschiedene Auffangunterkünfte aufgeteilt, jeder dritte blieb freiwillig über Nacht am Bahnhof.

Die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine wollen weiter nach Westen. <span class="copyright">APA/TOBIAS STEINMAURER</span>
Die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine wollen weiter nach Westen. APA/TOBIAS STEINMAURER

EU verhandelt um weiteren Kurs

Beim laufenden informellen EU-Gipfel in Versailles sprechen sich die EU-Staats- und Regierungschefs für weitere Hilfe für die Ukraine aus und drohen Russland mit weiteren Sanktionen. Dies geht aus einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Entwurf hervor. Von Russland fordert man eine sofortige Waffenruhe, der Ukraine wird eine engere Zusammenarbeit in Aussicht gestellt.

Donnerstag und Freitag besprechen die EU-Staaten in Versailles die weitere Linie. <span class="copyright">AP Photo/Michel Euler</span>
Donnerstag und Freitag besprechen die EU-Staaten in Versailles die weitere Linie. AP Photo/Michel Euler

EU-Ratspräsident Charles Michel kündigt an, die EU werde “in den kommenden Tagen über den Beitrittsantrag der Ukraine diskutieren”. Während unter anderem Österreich und Deutschland auf die Bremse steigen, verlangen vor allem die ehemaligen Ostblockstaaten in der EU wie Polen und Slowenien eine Beitrittsperspektive für die Ukraine. Auch der derzeitige französische EU-Ratsvorsitz bremste ukrainische Hoffnungen auf einen schnellen EU-Beitritt.

Luftabwehr für Polen

Die NATO stärkt derweil weiter ihre Präsenz in Osteuropa. Die USA verlegten zwei Patriot-Batterien von Deutschland nach Polen. Dabei handelt es sich um Luftabwehrraketen mittlerer Reichweite. Die Slowakei erlaubt die Stationierung von Bündnistruppen im Land, Litauen verlängert den Ausnahmezustand bis 21. April.

Der Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland ist der Angelpunkt der NATO-Logistik in Europa. <span class="copyright">Reuters/Wiegmann</span>
Der Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Deutschland ist der Angelpunkt der NATO-Logistik in Europa. Reuters/Wiegmann

Polens Präsident Andrej Duda hat nach einem Treffen mit US-Vizepräsidentin Kamala Harris den Vorstoß seines Landes verteidigt, Kampfjets an die Ukraine zu liefern. Polen habe einerseits die kämpfende Ukraine unterstützen wollen, die “deutliche und starke Erwartungen” an die Nachbarn formuliert habe. Andererseits habe man als verantwortungsbewusstes Mitglied der NATO “das Bündnis auf keine Weise in eine schwierige Situation” bringen wollen. Daher wollte man die Entscheidung nicht allein treffen und übergab die in Deutschland befindlichen Flugzeuge der Verfügungsgewalt der NATO. Diese verweigert die Überstellung der Flugzeuge in die Ukraine, da Russland dies als weitere Eskalation auffassen würde.

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