Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Verzicht ist unsexy: Seid toleranter

Politik / 18.04.2022 • 22:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ich gehöre zu der gefühlt sehr seltenen Spezies der noch nicht an Corona Erkrankten. Zumindest bisher, dieser fragile Status kann sich ja schnell ändern. Während rundum im privaten und im beruflichen Umfeld viele die Krankheitserfahrung machen mussten – der große Teil davon in den vergangenen zwei Monaten – fühlt man sich als noch Verschonte etwas verloren und rechnet bei jedem inneren Unwohlsein damit: Jetzt hat es mich auch erwischt. Der deutsche Virologe Christian Drosten hat schließlich schon zu Beginn der Omikron-Variante des Coronavirus prognostiziert, dass sich wohl alle Menschen mit Sars-Cov-2 infizieren werden, früher oder später.

Um sich in mehr als zwei Jahren Pandemie nicht anzustecken, haben die noch Nicht-Erkrankten wie ich nicht nur Glück gehabt, sondern sich oft auch in persönlichem Verzicht geübt. Keine großen Runden, kein Kino, keine Kultur-Veranstaltungen, private Treffen – wenn möglich – nur im Freien. Man hat sich auf die Arbeitsverpflichtungen und das Notwendige zurückgezogen, auch dabei hat man ja mit mehr als genug Menschen Kontakt. Manche haben sich aus Sorge um die eigene Gesundheit zurückgenommen, doch viele aus Achtsamkeit für ältere oder vorerkrankte Menschen in ihrem Umfeld. Aus Vernunft und Achtsamkeit persönliche Abstriche zu machen, das ist vielen allerdings nicht nachvollziehbar. Verzicht ist unsexy, und man wird in den vergangenen Wochen oft nur mehr komisch angeschaut, wenn man sagt: Ich will meinen Abend lieber noch nicht in einem vollgestopften Lokal verbringen.

Im Herbst beginnt wahrscheinlich eine neue Corona-Runde, und dafür sollten wir bitte besser als vergangenen Herbst gerüstet sein. Die verantwortliche Politik sollte also jetzt mit den Vorbereitungen für eine große Kampagne beginnen, um den Menschen im Bewusstsein zu halten, dass Impfen im Herbst wieder sehr wichtig sein wird. Und die vielen, die eine Erkrankung hinter sich haben, sollten sich gegenüber den Vorsichtigen unter den noch nicht Erkrankten etwas in Toleranz üben. „Stell dich nicht so an, sei ein bisschen locker“ – das ist kein Umgang mit Menschen, die Angst haben, die Angehörige mit hohem Risiko schützen wollen, die alleine sind. Solche Aufforderungen zur verordneten Lebensfreude stehen niemandem zu.

Ganz abgesehen davon, dass laut internationalen Studien etwa zehn Prozent der an Covid-19 Erkrankten Long Covid bekommen und davon monatelang stark belastet oder gar dauerhaft krank sein können. „Stell dich nicht so an, sei ein bisschen locker“ – das würde man wohl nicht zu einem Menschen sagen, der vor lauter Erschöpfung nur mehr schlafen kann.

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.