Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Gesundes Misstrauen ist immer angebracht

Politik / 09.05.2022 • 22:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In den „Kreis des Vertrauens“ von Robert De Niro wird nicht jeder aufgenommen, und das ist auch gut so. Als fürsorglicher Vater und Ex-CIA-Agent quält De Niro seinen künftigen Schwiegersohn, dargestellt von Ben Stiller, in der herrlichen Komödie „Meet the parents“ sehr lange, bis dieser dann doch irgendwie ins Vertrauen gezogen wird.

Auch außerhalb von Hollywood ist Vertrauen natürlich ein kostbares Gut, das man nicht an jemanden verschenken sollte, den man nicht kennt. Und gerade in der heutigen Welt, in der die Kommunikation mit anderen stark über Social-Media-Plattformen läuft, sollte dies gelten: Misstrauen kommt vor Vertrauen.

Am Beispiel des deutschen YouTubers und erfolgreichen Unternehmers Fynn Kliemann offenbart sich jetzt allerdings wieder, wie leicht Menschen wildfremden Leuten vertrauen. Der 34-jährige Liebling der deutschen Szene singt, baut, gründet, kauft, verkauft, engagiert sich sozial und ist mit allen auf BussiBussi – bis ihn vergangene Woche ein anderer Liebling der deutschen Szene von einer unschönen Seite präsentiert: Jan Böhmermann erhebt nach einer investigativen Recherche des ZDF Magazin Royale den Vorwurf, Kliemann habe bei Geschäften mit Corona­schutzmasken betrogen; viele Masken seien nicht fair in Europa produziert worden, wie behauptet, sondern billigst in Bangladesch oder Vietnam. „Krise kann auch geil sein“, schreibt Kliemann an einen Geschäftspartner. Der talentierte Herr Kliemann hat immer erklärt, er wolle nichts an den Masken verdienen, nicht so wie die „Profitgeier“ – na ja. Und er behauptet, nicht betrogen zu haben, auch wenn die Kommunikation vielleicht nicht ganz so super gelaufen sei. Anwälte und Gerichte werden sich darum kümmern, sicher ist jedenfalls: Fynn Kliemann ist ein Geschäftsmann und nicht der Messias aus dem Internet. An diesem Fall kann man einige Tatsachen der Mediengesellschaft festmachen: Niemand im Netz, der das von sich behauptet, will die Welt retten, höchstens sein eigenes Konto. Influencerinnen und Influencer sind keine Freundinnen und Freunde, sie machen ihren Job, wenn sie dem Publikum etwas aus ihrer Erfahrung empfehlen, also verkaufen – das ist ein Geschäftsmodell wie die Bäckerei ums Eck, die arbeitet ja auch nicht für den Weltfrieden. Social Media sind keine Orte des Vertrauens, Vertrauen gibt es höchstens in Beziehungen, im engsten Freundes- und Familienkreis. Und nur weil man jemanden öfter auf Facebook oder im Fernsehen sieht, kennt man diese Person nicht

All die Plattformen und Kanäle der modernen Medienwelt bringen uns unüberschaubar viel an Information, Wissen und Unterhaltung. Ein gesundes Misstrauen ist beim Konsum im Netz leider immer angebracht.

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.