Dr. Google macht auch krank

Politik / 28.06.2022 • 05:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Man sollte besser auf den Arzt vertrauen als auf eine Internetsuche. <span class="copyright">APA</span>
Man sollte besser auf den Arzt vertrauen als auf eine Internetsuche. APA

Die Internetsuche nach Krankheiten kann ungesund sein. Eine Betroffene erzählt vom Kampf gegen die Angst.

Salzburg Wer den Begriff „Bauchweh“ in die Suchmaschinen des World Wide Web eingibt, kann sich wenig später aussuchen, ob er bloß eine kleine Magenverstimmung hat oder an einer unheilbaren Krankheit leidet.

Die Palette an möglichen körperlichen Gebrechen, die dem Suchenden im Netz angezeigt wird, reicht von Kleinigkeiten bis zum sicheren Todesurteil. Sandra S. glaubt mit Sicherheit an Zweiteres. Schlaganfall, Herzinfarkt, Krebs. Auf alle schlimmen Krankheiten ließ sich die 27-jährige Wienerin untersuchen. Immer und immer wieder. Doch die junge Frau ist gesund, zumindest was mögliche körperliche Gebrechen betrifft. In ihrer Psyche hat sich jedoch eine Krankheit festgesetzt, die sie glauben lässt, krank zu sein. Sandra S. leidet an einer hypochondrischen Störung. Und das Internet, der mittlerweile berühmte Dr. Google, ist ein Teil des Problems.

„Sollte keinen Krankheiten googeln“

Der Tatsache, dass die junge Frau von ihrem Leidensweg berichten kann, ging ein jahrelanger Kampf voraus. Erst nach intensiver Therapie hat die Juristin erkannt, dass sie an Hypochondrie leidet. „Alles begann mit Panikattacken“, erzählt die junge Frau im Behandlungszimmer ihrer Therapeutin. „Herzrasen, Schwindel, Schweißausbrüche.“ Für S. waren das klare Anzeichen dafür, dass sie schwerstkrank ist. „Dann habe ich aus Angst vor der Krankheit noch mehr Panik bekommen. Noch mehr Herzrasen, noch mehr Schwindel. Richtige Angst zu sterben.“ Wenn dieser Kreislauf einmal in Gang gesetzt war, so erzählt die 27-Jährige, war ein Ausbrechen aus diesem nur schwer möglich. Am Beginn dieser Spirale stand und steht nicht selten eine Suche im Internet. „Manchmal schnappe ich in den Medien oder den sozialen Netzwerken etwas über eine Krankheit auf und muss gleich danach im Internet suchen.“ Zuletzt googelte die junge Frau „Löcher im Herz“, weil sie nach dem Sport Herzklopfen hatte und erst kurz davor gelesen hatte, dass manche Menschen an diesem Herzfehler leiden. Die Panikspirale wurde wieder in Gang gesetzt. „Ich weiß, dass ich keine Krankheiten googeln sollte. Mir ist die Sache bewusst, aber manchmal kann ich nicht anders“, sagt S. Im Netz liest sie dann über die vielen möglichen Ursachen ihrer vermeintlichen Symptome. „Es stehen dort oft Fachbegriffe, die man als Laie nicht einordnen kann, die aber Schlimmes vermuten lassen.“

Trugschluss

Mittlerweile beschäftigt sich auch die Forschung mit hypochondrischen Störungen, die durch übertriebene Internetsuche auftreten. Man spricht von „Cyberchondrie“ oder sogar „Morbus Google“.

„Morbus Google“ ist der Name einer Störung, die durch übertriebene Internetsuche auftritt. <span class="copyright">RTS</span>
„Morbus Google“ ist der Name einer Störung, die durch übertriebene Internetsuche auftritt. RTS

Die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt von der Uni Wien hat den Einfluss des Internets auf das Arzt-Patienten-Verhältnis untersucht. „Wir haben uns angesehen, wie Patientinnen und Patienten nach medizinischen Informationen suchen“, sagt Felt. Schnell stellte sich heraus: „Menschen haben vielfach vorgefasste Vorstellungen von Gesundheit und suchen im Internet Infos, die sie darin bestätigen“, sagt die Forscherin. „Viele Patientinnen und Patienten tun sich außerdem schwer damit, die Information richtig einzuordnen.“ Viele der Studienteilnehmer hätten etwa gesagt, dass sie eine Information eher glaubten, wenn sie diese auf mehreren Seiten fänden. „Das ist natürlich ein totaler Trugschluss. Und zeigt, dass viele nie gelernt haben, wie man mit Informationen umgeht“, sagt Felt.

Außerdem rät die Wissenschafterin gerade bei Seiten zu Medizinthemen dazu, auf Qualitätsmerkmale zu achten: „Gibt es überhaupt ein Impressum? Wer schreibt die Beiträge? Wir würden ja auch nicht irgendjemand einfach auf der Straße um einen medizinischen Rat fragen.“ Es gibt laut Felt auch Online-Qualitätssiegel im medizinischen Bereich. Die Stiftung Health On the Net (HON) hat etwa einen Verhaltenskodex für Webseitenherausgeber im Gesundheitsbereich erarbeitet und vergibt ein Siegel für seriöse Seiten.

Anfällig für Übersensibilisierung

Sandra S. würde sich wünschen, dass schon in der Schule ein besserer Umgang mit öffentlich zugänglichen Informationen unterrichtet wird. „Hier haben sicher viel mehr Menschen in unserer Gesellschaft ein Problem.“ S. hat in ihrem näheren Umfeld und in ihrer Familie übrigens keine schlimmen Fälle von Krankheit erlebt. Woher kommt dann ihre Angst? Laut ihrer Therapeutin Corinna Mayerhofer kann der Grundstein dafür schon in der Kindheit gelegt werden. „Kinder merken, wie ihre Eltern mit Krankheit und Tod umgehen, und können das bewusst oder unbewusst aufnehmen.“ Oft seien Kinder, deren Eltern einen angstbesetzten Umgang mit Gesundheit und Krankheit haben, selbst einmal anfällig für eine Übersensibilisierung.

Für die Wissenschafterin Felt ist auch eine zu intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper nicht unproblematisch. „Jede zu intensive Auseinandersetzung mit etwas kann dazu führen, dass man überspitzt reagiert.“ Im Zeitalter der digitalen Medien geschehe dies etwa gerade bei den Bereichen Gesundheit und Ernährung. „Essen wird zu einem Fetisch, die Frage, wie viele Schritte ich am Tag gegangen bin, zu einem Wettbewerb. Es geht immer mehr darum, die richtigen körperlichen Parameter abzuliefern. Das Abweichen davon kann für manche zum Problem werden.“ Das kennt auch Sandra S. Zuletzt sah sie auf ihrer Smartwatch, wie plötzlich ihr Puls nach oben schoss. Aus der kurzen Stresssituation wurde aus Sicht der Hypochonderin schnell ein sicheres Anzeichen für eine schlimme Erkrankung. Sie griff zum Handy und begann im Internet zu suchen.

In einer gemeinsamen Recherche haben die Salzburger Nachrichten, die Kleine Zeitung und die Vorarlberger Nachrichten die Auswirkungen von Ärztemangel und Zweiklassenmedizin beleuchtet. Die Ergebnisse finden Sie laufend unter www.vn.at. Dieser Text stammt von Marian Smetana (Salzburger Nachrichten).