Rettet Sunak ­Großbritannien?

Politik / 02.11.2022 • 22:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Rishi Sunak schlägt alle Rekorde: Mit 42 Jahren ist er der jüngste Premierminister der neueren britischen Geschichte, er ist auch der erste Hindu in diesem höchsten Amt der Nation. Die Familie Sunaks stammt aus dem indischen Pandschab (Punjab) – und es entbehrt nicht der Symbolik, dass der Spross aus der einstigen britischen Kronkolonie angetreten ist um das marode Mutterland aus seiner Krise zu retten. Eines ist gewiss: Großbritannien atmet auf – und dies tun auch die Finanzmärkte, welche sich von den Turbulenzen und dem Kurszerfall der Landeswährung Pfund Sterling zu erholen beginnen. Im Gegensatz zur chronischen Unaufrichtigkeit seines Vor-Vorgängers Boris Johnson steht Sunak für Ehrlichkeit – und nach den finanzpolitischen Eskapaden seiner total unfähigen Vorgängerin Liz Truss hat nun ein Mann das Ruder übernommen, der verspricht, einen klaren Kurs durch das stürmische Meer der Weltwirtschaft zu steuern.

Der smarte Manager Sunak versteht etwas von Wirtschaft: Während mehr als zwei Jahren (unter Premier Johnson) amtierte er als Schatzkanzler und in dieses Amt hat er jetzt den als besonnen geltenden ehemaligen Gesundheitsminister Jeremy Hunt geholt. Sunak wirkte im Sommer wie ein Rufer in der Wüste, als er in seiner Auseinandersetzung mit Liz Truss vor ungedeckten Steuersenkungen warnte, die zu einer untragbaren Schuldenlast und zu steigenden Hypothekarzinsen führen würde. Die Wirtschaftspolitik der Kurzzeitpremierministerin nannte er schlicht „Märchenökonomie“.

Kann Rishi Sunak Großbritannien retten? Vieles deutet darauf hin. Der bescheiden und sachlich auftretende Absolvent der besten Schulen und Universitäten der Nation könnte genau der richtige Mann am richtigen Platz sein – genau zum richtigen Zeitpunkt. Und als Vertreter einer andersfarbigen Minderheit verkörpert er einen Triumph über das traditionelle Tory-Establishment der „alten weißen Männer“. Sein Amtsantritt könnte diesen Minderheiten einen nicht zu unterschätzenden Auftrieb geben: schon wird Sunak als der „britische Obama“ apostrophiert. Den ersten Test scheint Sunak bestanden zu haben – die Finanzmärkte haben sich beruhigt. Ob nunmehr eine wirtschaftliche Erholungsphase folgt, ist die große Frage. Aber den dritten Test wird Sunak an den Wahlurnen zu bestehen haben: Den Kaprizen seiner Vorgänger haben es die Konservativen zu verdanken, dass sie in den Meinungsumfragen nach Jahren der Stärke weit abgeschlagen hinter der oppositionellen Labour-Partei herhinken.

„Sunak könnte der richtige Mann am richtigen Platz sein.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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