Gegenoffensive weit hinter Front

Politik / 05.05.2023 • 22:13 Uhr
Die Zerstörung eines russischen Lagers gegenüber der Krim ist Teil der ukrainischen Gegenoffensive.REUTErS
Die Zerstörung eines russischen Lagers gegenüber der Krim ist Teil der ukrainischen Gegenoffensive.REUTErS

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine kommt in eine entscheidende Phase.

Kiew Während viele Beobachter im Westen auf die große Panzerschlacht in der Ukraine warten, deutet vieles darauf hin, dass die lang angekündigte Gegenoffensive bereits an ganz anderer Stelle begonnen hat. Eine beispiellose Serie von Drohnen- und Sabotageangriffen trifft derzeit den Südwesten Russlands und die von Moskau besetzten Gebiete der Ukraine.

Die Schlagzeilen gehörten zuletzt einer mutmaßlichen Drohnenattacke auf den Kreml. Doch während dieser Anschlag noch viele Fragen aufwirft und es für die angebliche Beteiligung Kiews keinerlei Beweise gibt, folgen die Angriffe auf Objekte im Südwesten Russlands und der von Moskau besetzten Schwarzmeer-Halbinsel Krim einer klaren Logik: Es geht um die Zerstörung der Nachschublinien für die russischen Besatzungstruppen in der Ukraine.

Entgleiste Züge

Dazu wurden in der Region Brjansk Schienen gesprengt und zwei Güterzüge zum Entgleisen gebracht. Auf der Krim explodierte am Wochenende ein Treibstofflager, das der Versorgung der russischen Schwarzmeerflotte diente. Am Mittwoch brannte gegenüber der von Russland annektierten Halbinsel im russischen Gebiet Krasnodar ein weiteres Kraftstoffdepot in einem Umschlagterminal für Öl und Ölprodukte aus. 17 Stunden kämpften teilweise mehr als 200 Feuerwehrleute mit den Flammen. 20.000 Kubikmeter Treibstoff fackelten ab. Und 24 Stunden später geriet ebenfalls im Gebiet Krasnodar das Tanklager einer Ölraffinerie in Brand. Eine Drohnenattacke zu gleicher Zeit auf eine Raffinerie im russischen Gebiet Rostow endete hingegen glimpflich.

Laut dem deutschen Militärökonom Marcus Keupp hat damit die zweite Phase der Offensive nach der Aufklärung der Schwachstellen etwa durch Satellitenbilder begonnen. Mit Artillerie- und Drohnenfeuer werde im Hinterland die Versorgung der feindlichen Truppen unterbrochen. Erst in der dritten Phase gehe es darum, die massiven Wehranlagen der Russen, die sie in den besetzten Gebieten der Ukraine nahe der Front errichtet haben, zu zerstören, um dann mit Panzern vorzurücken. „Das heißt also, das wird der Abschluss sein, nicht der Beginn“, sagte er. Auf diesen sichtbaren Vorstoß, der sich in der Rückgewinnung von Gebieten dann darstellen lässt, ist die Ukraine laut NATO-Vertretern zu „98 Prozent“ vorbereitet.

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow sieht sich ebenfalls kurz vor der „Zielgeraden“. Hunderte Panzer und Schützenpanzer, Haubitzen, Raketenwerfer, Flugabwehr und Tonnen an Munition hat Kiew demnach erhalten. Bis zu 80.000 Soldaten – nach russischen Quellen sogar weitaus mehr – sollen extra für diese Angriffsoperation teils in NATO-Staaten ausgebildet worden sein und bereitstehen.

Krim als Ziel

Einige russische Kommandeure erwarten einen ukrainischen Vorstoß auf die vor einem Jahr von Russland eroberte Hafenstadt Mariupol im Donezker Gebiet. Eine Rückeroberung der Stadt im Südosten des Landes dient gleich mehreren Zwecken. „Das ist sofort eine Bedrohung für Donezk, ein unschätzbarer politischer Effekt und durchtrennt den Landkorridor auf die Krim“, schrieb der für Russland kämpfende Separatistenkommandeur Alexander Chodakowski. Ortskenntnis, eine zum Teil loyale Bevölkerung und fehlende russische Kräfte für eine zweite Eroberung könnten dafür sprechen, den Vorstoß eher in Richtung Mariupol zu führen.

Es gibt aber auch Gerüchte um eine Fortsetzung der Herbstoffensive im Norden im Luhansker Gebiet oder gar einen Angriff auf russisches Gebiet nach Belgorod, um dies dann anschließend gegen ukrainische Gebiete zu tauschen. Die Spekulationen zeugen davon, dass zumindest die Geheimhaltung bisher auf Kiewer Seite gut geklappt hat. Trotzdem ist zumindest Keupp davon überzeugt, dass es Richtung Süden geht. Ziel sei es für Kiew, die Krim zurückzuerobern.

Währenddessen explodierte auch über Kiew eine russische Drohne.
Währenddessen explodierte auch über Kiew eine russische Drohne.