Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Kommentar: Zollfeindliche Luft

Politik / 29.01.2026 • 08:01 Uhr

Als einer der bedeutendsten deutschen Nationalökonomen 1947 – nach Exil, Weltkrieg und Holocaust – seine Memoiren schrieb, erinnerte er sich an seine Kindheit zwischen Frankfurt und Hohenems. Moritz Julius Bonn stammte mütterlicherseits aus der Familie Brunner, deren Haus im Jüdischen Viertel von Hohenems dem jungen Frankfurter zur idyllischen Sommerfrische wurde. Ein Ort, der ihm freilich nicht nur wegen der Kühe seines Großvaters, des Landwirtschaft treibenden Bankiers Marco Brunner, und der Seidenraupenzucht seiner aus Bozen stammenden Großmutter in Erinnerung geblieben war. Sondern auch wegen der „zollfeindlichen Luft“, die er in Hohenems und Vorarlberg geatmet hatte, und die seine Einstellung zum Freihandel geprägt haben soll, wie er schmunzelnd bemerkte.

Moritz Julius Bonns Leben und Werk, seine Schriften wie seine politische Arbeit als Vermittler zwischen Deutschland und Großbritannien, Europa und den USA kann man heute als Gegenmodell schlechthin zu den politischen Gefahren der Gegenwart lesen. Er kämpfte für regelbasierten Handel und für internationales Recht, analysierte als einer der ersten die fatalen Wirkungen des Kolonialismus und seine Gegenbewegungen, und setzte sich für sozialen Ausgleich und Demokratie ein, die auf der Anerkennung von Vielfalt beruht.

Im Europäischen Parlament hätte man sich gerade einmal wieder mehr von seinem Spirit gewünscht. Populismus quer zu allen politischen Lagern verzögert gerade das Mercosur Abkommen, einen der wenigen Lichtblicke internationaler Kooperation, die auf Verhandlungen und nicht auf brutalen Machtspiele beruht. Ein Bündnis von den Grünen bis zu den Neofaschisten (unter Einschluss mancher Konservativer und Sozialdemokraten) hat das Abkommen, mit dem die EU dem größenwahnsinnigen Raubritter im Weißen Haus etwas entgegensetzen könnte, erst einmal auf eine Ehrenrunde geschickt. Noch eine rechtliche Prüfung heißt es. Das Ergebnis ist keine Katastrophe, denn die EU-Kommission wird das Abkommen nun vorläufig trotzdem in Kraft setzen. Und die Grünen sind schon dabei zurückzurudern. Aber der Eindruck ist fatal: eine Demonstration der Uneinigkeit, in einem Moment, in dem es nichts mehr braucht, als europäische Stärke, Verlässlichkeit und Einigkeit. Und natürlich eine Steilvorlage für alle rechten EU-Feinde und Trolle von Trump und Putin: Das sieht man ja wieder, dass die bösen Bürokraten in Brüssel eh machen, was sie wollen. Nein, sie machen das, was sie im Moment tun müssen, und das, was wir auch vom Europäischen Parlament erwarten. Statt Zank und Populismus.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.