Kommentar: Das Abendland im Ablativ

Politik / 06.02.2026 • 14:30 Uhr
Kommentar: Das Abendland im Ablativ

Man sagt jetzt, Christoph Wiederkehr schaffe „Latein ab“. Das stimmt so ungefähr wie „Winter schafft den Sommer ab“: Er kürzt. Von zwölf auf acht Stunden, über mehrere AHS-Jahre verstreut. Vier Stunden weniger – und schon tun manche, als hätte ein Neos-Minister persönlich den Petersdom in eine Sprachschule umgewidmet. Ö tempora, o Drama!

Ich schreibe das als Ex-Alumnus der Deklination: sechs Jahre Latein, soweit ich mich erinnere mündlich und schriftlich als Maturafach und nicht ohne Auszeichnung, danach Jus, später Philosophie. Habe ich Latein gebraucht? Nein. Weder beim Kommentieren noch beim Paragraphenreiten. Latein hat mir nicht das Denken beigebracht, sondern höchstens die Geduld – und die hätte der Fahrschüler auch beim Warten auf die ÖBB lernen können. Was ich wirklich gebraucht hätte, wäre Zeit gewesen: für lebende Sprachen, für lustvolles Schreiben, für ein Musikinstrument. Heute höre ich von meinen französisch sprechenden Töchtern: „Papa, tu as un accent terrible.“ Danke, Latein. Du hast mir den Ablativ gegeben, aber eine Weltsprache genommen.

Die Pro-Latein-Fraktion marschiert im Gleichschritt der Argumente: Latein sei die „Basis“ für andere Sprachen, Latein sei „Hirngymnastik“, Latein rette – irgendwo zwischen Cäsar und Sonntagsmesse – gleich das Abendland. Nur: Sobald man nach Belegen fragt, wird es dünn. Selbst wohlmeinende Texte räumen ein, dass harte Evidenz rar ist. Der Transfer-Glaube klingt dann wie Bildungs-Homöopathie: viel Überzeugung, kaum Wirkstoff. Und wenn es um „Hirngymnastik“ geht: Muss man dafür wirklich Jahre lang den Casus prüfen, um am Ende doch nicht sicher zu sein, wie man einen klaren deutschen Satz baut? Wer Französisch oder Spanisch will, braucht vor allem: Französisch oder Spanisch. Und ein solides Deutsch dazu.

Aufschlussreich ist die Promi-Petition. Jelinek, Handke, Zeilinger, Geiger, Helfer, Köhlmeier, Maimann, Menasse, Rosei, Turini: ein Kapazunder-Kabinett, das man sich auch gegen Trump und für den Erhalt der Qualitätsmedien wünschte. Und gleichzeitig mit wenigen Ausnahmen ein Spiegelkabinett der nicht unbedingt jüngeren Generationen. Warum? Latein ist oft weniger Unterricht als Ausweis: ein Standesabzeichen des Bildungsbürgertums, ein Düftchen aus dem Döblinger Regiment, benannt nach dem Wiener Nobelbezirk. Dass sich auch viele, die man links verorten würde, in diese Nostalgie-Revue stellen, ist die Pointe: Kultur als Stundenplan, Humanismus als Pflichtübung.

Und ja: Wer Latein kritisiert, bekommt manchmal Reaktionen, als hätte er eine heilige Monstranz gestohlen. Dabei geht es nur um Stunden. Nicht um die Seele. Wann immer ich als Journalist daran rührte, erhielt ich Zuschriften im Tonfall römischer Legionen: Cave! Der Anstand ist dabei oft toter als die Sprache. Das zeigt, worum es wirklich geht: um Identität, nicht um Didaktik.

Dabei: Wer Latein liebt, soll es lernen. Intensiv, freiwillig, gern auch als Königsweg für jene, die besonders tief in Rechtsgeschichte, Medizin, Theologie oder Philologie graben wollen. Aber Zwangsbeglückung ist kein Ideal. Wir haben zu wenige Lehrer – und auch deshalb zu viele Kinder, die an Texten scheitern, weil ihnen das Verständnis fehlt, nicht der Konjunktiv. Und ja: Es wäre lächerlich, gekürzte Lateinstunden durch „KI-Stunden“ zu ersetzen. KI lernt man nicht als neues Schulfächlein, sondern indem man in Deutsch Quellen prüft, in Geschichte Propaganda erkennt, in Mathe Modelle versteht und in Ethik über Verantwortung streitet. Das ist die moderne Hirngymnastik – ohne Toga.

Vier Stunden weniger Latein sind kein Kultursturz. Es ist ein kleiner Realitätscheck. Das Abendland stirbt nicht an acht Lateinstunden. Es stirbt, wenn wir die lebenden Fähigkeiten verkümmern lassen, während wir die toten Sprachen wie Reliquien polieren.