Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Kommentar: Eine Suchanzeige

Politik / 16.02.2026 • 07:45 Uhr

Normalerweise können Politiker (m/w) von Auftritten in Medien und Öffentlichkeit nicht genug kriegen. Beim FPÖ-Chef ist das anders. Man ist fast geneigt, eine Suchanzeige aufzugeben: „Wo ist Herbert Kickl?“ Seit Monaten macht er sich auffällig rar. Sieht man von seinem mit Tiraden befrachteten Auftritt beim Neujahrstreffen in Klagenfurt ab. Das ist einen Monat her. Und schon wieder keine Spur von Kickl. Sogar bei der Interviewserie mit den Parteichefs in der ZiB 2 ließ er sich vertreten. In seinem Lieblingsmedium FPÖ TV ist er nicht präsent und lässt Hinterbänklern den Vortritt oder der AfD-Politikerin Anna Nguyen. Dabei könnte er dort reden ohne unterbrochen oder kritisch gefragt zu werden (wie lästig!). In einem Sender, der behauptet 42.000 Abonnenten zu haben, über 7.500 Videos und angeblich 83 Millionen Aufrufe in drei Jahren. Nebenbei zum Vergleich: Der im Herbst auf Youtube mit Fanfaren gestartete Sender SPÖ eins hat aktuell ein Zehntel der Abonnenten der FPÖ.

Worin liegt Kickls Taktik des sich Versteckens? Wer nicht öffentlich auftritt, bietet keine Angriffsflächen. In unserer stark polarisierten Medienlandschaft wirkt Nicht-Präsenz offenbar beruhigend. Viele wählen die FPÖ weniger wegen Kickl, sondern trotz ihm, weil sie unzufrieden sind mit Teuerung, Migration und Sicherheit. Das sind Themen, die die Partei nicht setzen muss. Sie sind da. Je schlimmer die Nachrichtenlage, desto stärker die FPÖ. Auch ohne sichtbaren Parteichef. Er hat einen Bonus, weil er nicht zeigen muss, ob er regierungstauglich ist. Er muss keine Lösungen anbieten. Er muss keine Koalitionskompromisse erklären. Erst im Wahlkampf oder bei Koalitionsverhandlungen ist seine Person entscheidend. Na ja, das hat er schon einmal vermasselt. Sein Vorbild Jörg Haider, Kickl war ja einmal dessen Redenschreiber, war ganz anders gestrickt: permanent präsent, aber dadurch stark angreifbar. Große Wahlerfolge, aber als die FPÖ um die Jahrtausendwende in der Regierung war, war das Image rasch im Eimer. Die Lehre daraus: Maximale Sichtbarkeit bringt schnelle Gewinne, aber ein hohes Verlustrisiko. Auch Heinz Christian Strache hat einst einen starken Straßen-, Medien- und Social-Media-Wahlkampf geführt und war zunächst erfolgreich. Bis Ibiza die Kehrseite permanenter Selbstinszenierung aufzeigte. Die Fallhöhe war riesig. Kickl hält es eher mit dem holländischen Star der Rechtspopulisten Geert Wilders, der jahrelang kaum öffentlich aufgetreten ist, sieht man von starker Social-Media-Präsenz ab, und danach die Wahlen gewann. Die strategische Logik: Solange es reicht, nur dagegen zu sein, muss Führung nicht sichtbar sein.

Kickl hat ohnehin in ÖVP und SPÖ die besten Wahlhelfer. Die ÖVP ist drauf und dran, den von der Wehrdienst-Kommission aufgelegten Elfer bezüglich der Verlängerung des Wehrdienstes zu verschießen. Sie weiß nach zwei Wochen immer noch nicht, worüber das Volk denn genau befragt werden soll, ob die Fragestellung auch rechtlich hält und schafft offenbar keinen Konsens in der Regierung. Dass das sture Festhalten an August Wöginger Wähler vertreibt, kann man ihr nicht oft genug vorhalten. Das wird noch durch die Selbstzerfleischung der SPÖ getoppt. Wochenlang wird diskutiert, ob nicht der von einigen Landesorganisationen ins Spiel gebrachte Exkanzler Kern den erfolglosen Andreas Babler ablösen soll. Kern, eitel wie er ist, fühlt sich geschmeichelt, ziert sich, sagt lange Zeit nicht dezidiert nein. Als ihm der Wiener Bürgermeister Ludwig klarmacht, dass er ihn nicht unterstützt, wirft er weinerlich das Handtuch und beklagt sich, dass vertrauliche Gespräche an Medien durchgesteckt worden sind. Es gehe ihm um die Geschlossenheit der Partei. Auf einmal. Jetzt fordert Babler eine Konzentration auf Inhaltliches. Ob ihm die Genossinnen und Genossen die Freude machen werden? Kickl kann jedenfalls weiter die Hände in den Schoß legen.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.