Atomkraft? Ausgerechnet jetzt?

Politik / 20.03.2026 • 14:33 Uhr
Atomkraft? Ausgerechnet jetzt?

Ursula von der Leyen entdeckt die Kernkraft neu, Markus Söder phantasiert von Mini-AKWs in Bayern, und in Österreich wird dazu diskutiert, wie Österreich eben diskutiert: gar nicht, platt oder im Modus der selbstzufriedenen Folklore. Ein “Nein” wird hochgehalten wie eine Monstranz, aber die eigentliche Debatte findet nicht statt. Das ist die österreichische Spezialität: moralische Pose statt geistiger Arbeit. Bei Neutralität und Sicherheitspolitik so, bei Europa oft auch – und jetzt wieder bei der Atomkraft.

Dabei wäre gerade jetzt der Zeitpunkt für eine ernsthafte, scharfe, intellektuell redliche Auseinandersetzung. Denn die Lage hat sich verändert. Nicht die Endlagerfrage, die ist weiter ungelöst. Nicht das Restrisiko des Reaktors, das bleibt. Verändert hat sich der geopolitische Ausnahmezustand. Seit dem Krieg in der Ukraine wissen selbst die Letzten, was vorher nur als Szenario galt: Ein Atomkraftwerk ist nicht nur eine Energieanlage. Es ist im Ernstfall auch eine Geisel aus Beton. Ein AKW mag gegen Fehler gesichert sein, vielleicht sogar gegen Naturgewalten. Gegen Raketen, Drohnen, Sabotage, Blackouts im Krieg? Willkommen im Reich der nuklearen Märchenstunde.

Die neue Atombegeisterung Europas ist daher keine Aufklärung, sondern Verdrängung. Sie kommt wissenschaftsunterfüttert als Zukunft, ist aber in Wahrheit eine Flucht nach hinten. Weil man Angst hat, den Anschluss zu verlieren. Weil man glaubt, China, Russland oder sonst wem nur mit derselben Großtechnik-Manie begegnen zu können. Atomkraft ist die Monokel-Moderne: geschniegelt, staatstragend, teuer, träge, zentralistisch – und im Katastrophenfall endgültig.

Gerade in Vorarlberg sollte man das verstehen. Das Land hat allen Grund, bei diesem Thema nervös zu werden. Nicht aus hysterischer Provinzialität, sondern aus aufgeklärter Grenznähe. Wer in Bregenz oder im Rheintal lebt, weiß: Grenzen sind auf der Landkarte dünn und in der Wirklichkeit durchlässig. Ein Mini-AKW in Bayern wäre nicht mini im Risiko. Radioaktivität kennt keinen Dialekt, keine Zollstation und keine CSU-Wahlkampfrhetorik. Markus Söders Kraftmeierei ist ja schon sprachlich eine Karikatur: Der Kernphysik-Influencer aus Nürnberg versteht Kernkraft als Bierzelt-Technologie, als könne man die Gefahr auf Brotzeitformat schrumpfen. Aus dem Großrisiko wird rhetorisch ein Hosentaschenreaktor. Das ist nicht Zukunftspolitik, das ist Wadlbeißer-Physik.

Und dann die deutsche Volte. Ausgerechnet in jener politischen Familie, in der Angela Merkel einst den Atomausstieg vollzog, wird nun so getan, als sei das alles ein Betriebsunfall der Geschichte gewesen. Dass Ursula von der Leyen heute atompolitisch den Rückwärtsgang als Vorwärtsgang verkauft, ist mehr als eine energiepolitische Pointe. Es ist ein Lehrstück über die Amnesie der Macht.

Österreich wiederum gefällt sich in seinem Anti-Atom-Selbstbild, ohne die neue Lage präzise zu durchdenken. Ja, die Ablehnung bleibt richtig. Gerade jetzt. Aber sie muss begründet, geschärft, europäisch formuliert werden. Nicht als Folklore-Nein, sondern als Sicherheitsargument ersten Ranges. Wer 2026 ernsthaft neue Atomkraftwerke propagiert, argumentiert, als gäbe es keine Fronten, keine Drohnen, keine Hybridkriege, keine verletzliche Infrastruktur. Das ist nicht Fortschrittsglaube. Das ist Realitätsverweigerung unter Helmpflicht.

Vorarlberg tut gut daran, bei seiner alten Ablehnung zu bleiben – und sie neu zu begründen. Nicht trotz der Weltlage, sondern wegen ihr. Atomkraft war immer riskant. Im Zeitalter des Krieges ist sie endgültig die falsche Antwort. Oder, weniger höflich gesagt: Wer jetzt noch vom nuklearen Heilsbringer schwadroniert, verwechselt Energiepolitik mit Endlager für Vernunft.