Heiliger Berg. Küniglberg. Golgatha.

Entschuldigen Sie bitte für einen Moment den scheinbar insiderischen Einstieg in eine Medienaffäre! Er ist keiner. Denn wenn es im ORF kracht, kracht es nicht bloß in einer Parallelwelt aus Eitelkeit, Intrige und gekränkter Macht. Dann betrifft das alle. Schon deshalb, weil alle zahlen. Haushaltsabgabe heißt das bürokratisch. Viele sagen schlichter: Staatsfunk. Und diesmal geht es nicht um irgendeine Redaktionsraunzerei, sondern um einen strukturellen und moralischen Skandal in einer Institution, die dem Land jeden Abend Seriosität, Distanz und Anstand erklärt.
Der Rücktritt von Roland Weißmann also. Im Raum stehen Vorwürfe sexueller Belästigung, die der Generaldirektor allerdings bestreitet. Von außen ist der Sachverhalt unklar bis zur Unerträglichkeit: möglicherweise Belästigung, vielleicht Machtmissbrauch, ziemlich sicher Intrige. Und ganz gewiss ein Krisenmanagement, das dem Wort „unprofessionell“ die Schamesröte ins Gesicht triebe: Statt den Generaldirektor zu suspendieren, ein geordnetes Verfahren einzuleiten und unabhängig aufklären zu lassen, wurde schmutzig geraunt, massiv gedrängt, wohl auch politisches Kleingeld geschlagen. Die Spitze des Stiftungsrates sprach von gesichtetem Schrift-, Ton- und Bildmaterial, später wurde zurückgerudert. So handelt keine souveräne Institution. So handelt ein aufgescheuchter Hühnerhof mit Compliance-Vokabular und Stallgeruch.
Warum Weißmann zurücktrat, bleibt offen. Wer sich zu Unrecht verfolgt sieht, kämpft meist. Wer fast augenblicklich geht, sendet ein anderes Signal. Vielleicht war es Einsicht. Vielleicht Panik. Vielleicht die Einsicht in eine Panik. Ich kenne Weißmann gut und verstehe es nicht.
Und dann Pius Strobl. Sein Interview im „Standard“ wirkte wie eine Gestehensprosa, die sich im letzten Moment in eine Mobbingklage flüchten will. Der bestverdienende Mann im ORF, der Ausputzer mehrerer Generaldirektoren, spricht von Kränkung und Demütigung, während zugleich all das durchscheint, was die Anstalt seit Jahrzehnten verdirbt: Einflussnähe, Verhaberung, affärenvolles Privatleben, beleidigtes Machtbewusstsein. Einer der robusteren Austeiler des Landes entdeckt also plötzlich das zarte Innenleben des Gemobbten. Das hat Witz, einen ziemlich schäbigen freilich.
Das eigentliche Dilemma liegt tiefer. Der ORF soll das unabhängigste Medienunternehmen Österreichs sein, öffentlich-rechtlich geadelt, heiliggesprochen. Zugleich ist er das politischste Unternehmen des Landes. Vielleicht gibt es kein zweites Gebilde im Land, das so sehr von Parteienlogik, Gremienarithmetik und Vorfeldinteressen durchzogen ist wie der Küniglberg. Der heilige Berg mit der Silhouette von Golgatha.
Der Widerspruch ist offenkundig. In einem Sideletter zum Koalitionsabkommen wurde festgehalten, welche Partei im ORF welche Positionen besetzen kann. Bis vor Kurzem hatten die Landeshauptleute ein Anhörungsrecht für die Landesdirektoren. Abhängigkeit wird dokumentiert und Unabhängigkeit postuliert.
Und dennoch: Der ORF macht großartige Arbeit. Man betreibt hervorragenden Journalismus. Aber Qualität heilt keinen Konstruktionsfehler.
Die Lösung kann nur heißen: erstens Entpolitisierung – weniger Parteieneinfluss, weniger Proporz, weniger Versorgung. Und zweitens eine Öffnung des öffentlich-rechtlichen Auftrags – weg vom Monopol hin zu allen Medienunternehmen, die es verdienen. Denn öffentlich-rechtlich ist nicht nur, was der ORF macht. Öffentlich-rechtlich ist, was verantwortungsvoll Öffentlichkeit herstellt, Macht kontrolliert, bildet, erklärt und auch dort liefert, wo kein Geschäft zu machen ist. Das tun auch andere – nicht nur das politischste Unternehmen Österreichs im Gewand des unabhängigsten.