Social-Media-Verbot kein Allheilmittel gegen Mobbing

Politik / 19.03.2026 • 15:41 Uhr
Social-Media-Verbot kein Allheilmittel gegen Mobbing
Das geplante Verbot von Sozialen Medien bis zu einer gewissen Altersgrenze stößt auf Expertenkritik. APA/MAX SLOVENCIK

Das Vertrauen junger Menschen in Politik sinkt, während über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, warnen Kinderanwälte.

Schwarzach Für viele Kinder und Jugendliche ist der digitale Raum längst zentraler Lebensbereich – mit neuen Risiken: Cybermobbing, Social-Media-Sucht bis hin zu Essstörungen und Depressionen. Gleichzeitig steht ein Social-Media-Verbot der Bundesregierung in den Startlöchern, wie die SPÖ bestätigt. Die Altersgrenze ist offen, diskutiert werden 14, 15 oder 16 Jahre. Die Debatte ist breit – die Betroffenen selbst kommen kaum zu Wort. “Unterstützung ist gut, aber nicht nur durch Zurückpfeifen”, sagt der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer.

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Gemeinsam mit seinen acht Kollegen spricht er sich gegen ein generelles Verbot aus. “Wir müssen natürlich reagieren. Aber gerade bei Social Media raten wir davon ab, nur mit Verboten zu reagieren, sondern die Kinderrechte entsprechend zu beachten.” Dass sich viele Jugendliche nicht gehört fühlen, zeigt auch der Demokratiemonitor: Das Vertrauen in die Politik sinkt. “Möglicherweise auch, weil oft über ihre Köpfe hinweg entschieden wird”, warnt Netzer.

Social-Media-Verbot kein Allheilmittel gegen Mobbing
Christian Netzer ist Vorarlbergs Kinder- und Jugendanwalt. Den VN erklärt er, warum er sich gegen ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in der geplanten Form ausspricht. Roland Paulitsch

Bestehende Regeln umsetzen

Schon die Definition sozialer Medien sei unklar, sagt Netzer. Oft werde Australien als Vorbild genannt, wo zehn Plattformen reguliert wurden. “Internationale Einschätzungen gehen davon aus, dass es mehr als 250 soziale Medien gibt.” Eine Verlagerung auf andere Plattformen sei wahrscheinlich – und für Eltern würde es noch schwieriger, den Überblick zu behalten.

Für Netzer ist klar: „In die Pflicht genommen gehören aber nicht die Kinder und Jugendlichen, sondern die Plattformbetreiber.“ Gefordert werden die konsequente Umsetzung bestehender Regeln, strengere Regulierung und EU-weite Lösungen. „Anbieter sollten mehr in die Pflicht genommen werden, gerade bei Algorithmen und Jugendschutz.“ Auch nationale Regeln könnten besser kontrolliert werden: Unter 14-Jährige dürfen soziale Medien nur mit Zustimmung der Eltern nutzen.

Social-Media-Verbot kein Allheilmittel gegen Mobbing
In diese Woche tagten die Kinder- und Jugendanwälte in Salzburg: (v. l.) Christine Winkler-Kirchberger (Oberösterreich), Christian Netzer (Vorarlberg), Denise Schiffrer-Barac (Steiermark), Lukas Trentini (Tirol), Johanna Fellinger (Salzburg), Sebastian Öhner (Wien), Birgit Tsolakidis (Niederösterreich), Nicole Bartl (Burgenland) und Astrid Liebhauser (Kärnten).APA/Barbara Gindl

Soziale Teilhabe und Cybermobbing

Ein Verbot würde auch soziale Teilhabe einschränken. Netzer spricht von einer Gratwanderung: “Wenn ich jeglichen Kontakt des Kindes nach außen unterbinden würde, wäre es auch sicher keinem Mobbing ausgesetzt. Diese Diskussion würden wir aber in der physischen Welt nicht führen.”

Cybermobbing nehme zu – aber nicht nur auf klassischen Plattformen. “Auch in den Videospielbereichen gibt es viele neue Anbieter, die eventuell nicht erfasst wären.” Gleichzeitig warnt Netzer vor falscher Sicherheit: “Durch die Schnelllebigkeit weiß man nie, was es morgen gibt.” Eltern müssten weiterhin hinschauen. “Früher war das mit dem Freundeskreis ganz normal.” Ein Verbot werde diesen Austausch nicht ersetzen.

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Weitere Stelle für Mobbing kommt

Beim Thema Mobbing zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Laut Koordinationsstelle in der Bildungsdirektion sind die gemeldeten Fälle nach der Umstrukturierung von 222 im Schuljahr 2022/23 auf 96 im Jahr 2025 zurückgegangen. Eine vollständige Datengrundlage gibt es laut Landesrätin Barbara Schöbi-Fink aber nicht. Ein besserer Überblick soll durch neue Abfragen an Schulen entstehen.

Zudem entsteht bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft eine eigene Fachstelle für den außerschulischen Bereich. “Anders als früher findet es nicht mehr nur im Klassenzimmer statt. Da hat es zumindest nach Schulschluss eine Erholungsphase gegeben. Diesen Schutzraum haben wir durch Cybermobbing verloren.” 2025 gab es 15 Anfragen, die Mobbing im außerschulischen Bereich betrafen. Allein bis Mitte März verzeichnete die Kinder- und Jugendanwaltschaft schon sechs Anfragen.

Digitales Kinderschutzzentrum

Neu ist auch das Digitale Kinderschutzzentrum: eine Online-Anlaufstelle mit anonymer Chatberatung, die Kinder und Jugendliche direkt im digitalen Raum erreichen soll.