Das schwarze KI-Loch in der Politik
Einen wunderschönen Freitag!
Ich muss gestehen: Ich bin begeistert. Mein Arbeitgeber hat der gesamten Belegschaft kürzlich einen Tag eingeräumt – jedenfalls so viel Zeit wie möglich –, um mit einer KI-Entwicklersoftware ein eigenes Tool für den Arbeitsalltag zu bauen.
Und ich bin noch immer fasziniert, wie schnell und einfach ich ein durchaus komplexes Programm erstellt habe. Zumindest eines, das für mich als Laien komplex wirkt. Ohne Programmierkenntnisse, ohne großes Vorwissen, vielleicht nur mit einem grundlegenden Verständnis für Technologie. Bumm – das Programm steht. Alltagstauglich. Nach wenigen Stunden.
Am Abend habe ich den Tag im Bett noch einmal Revue passieren lassen. Seither lässt mich ein Gedanke nicht mehr los: Wer braucht in naher Zukunft noch all diese Entwickler? Jahrelang galten sie als Schlüsselkräfte in innovativen Unternehmen. Wer sagte „hättsch was gschieds glernt!“, meinte oft sie. Und jetzt? Schafft sich eine Branche gerade selbst ab?
Der Gedanke lässt sich weiterdrehen: Welche Branchen trifft es noch? Wie schnell? Und vor allem: Sind wir darauf vorbereitet?
Kennen Sie Dario Amodei? Gründer und Chef des US-KI-Unternehmens Anthropic, Entwickler der Sprach-KI Claude. Zuvor war er Forschungsdirektor bei OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT. Kurz gesagt: Er weiß, wovon er spricht.
Anfang des Jahres schrieb er in einem Essay, die Menschheit befinde sich in der Pubertät – noch nicht reif für jene mächtigen KI-Systeme, die sie bald in Händen halten könnte. Er ist überzeugt, dass schon in naher Zukunft Systeme entstehen, die den Menschen in fast allen Bereichen übertreffen. Mit Folgen für Wissenschaft, Wirtschaft, Machtverhältnisse – und letztlich für die Gesellschaft insgesamt.
Schauen Sie gelegentlich „South Park“? Eine bissige Satireserie mit erstaunlichem Gespür für kommende Entwicklungen. Vor rund zwei Jahren griff sie die Veränderungen in der Arbeitswelt auf. Zunächst wirkt alles vertraut: Gutverdienende Kreative, Anwälte, Designer oder Büroangestellte brauchen Handwerker für eine kleine Arbeit im Garten. Sie fahren zu einem Supermarkt, auf dessen Parkplatz Tagelöhner auf Jobs warten.
Doch dann kippt das Bild. Innerhalb kurzer Zeit verschiebt sich das Machtgefüge komplett. Plötzlich sind es die Anwälte, die am Straßenrand stehen – und wohlhabende Handwerker fahren vorbei, auf der Suche nach Arbeitskräften.
Reine Fantasie? Vielleicht. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Ich fürchte nur: Die Politik unterschätzt die Tragweite der aktuellen Entwicklung noch immer – wie die meisten von uns, mich eingeschlossen.
In der Politik dominiert eine funktionale Sicht auf künstliche Intelligenz: Wie stärkt sie die Wirtschaft? Wie vereinfacht sie die Verwaltung? Wie unterstützt sie die Polizeiarbeit? Und wie fördern wir Forschung und Infrastruktur?
Wenn Risiken thematisiert werden, dann oft im Detail. Deepfakes, Cybercrime, der Umgang mit Plattformen – alles wichtig. Aber was ist mit den großen Fragen?
Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der KI große Teile menschlicher Arbeit ersetzt? Müssen wir unser System neu denken? Staatseinnahmen hängen heute eng mit Erwerbsarbeit zusammen. Was passiert, wenn Arbeit wegfällt? Woraus finanziert sich der Staat? Wovon leben die Menschen? Und welchen Stellenwert hat Arbeit überhaupt noch? Sind 20 Stunden künftig Vollzeit?
Blinde Flecken sind in der Politik nichts Ungewöhnliches. Manche Themen geraten im Alltag unter die Räder. Doch hier von einem blinden Fleck zu sprechen, wäre – gelinde gesagt – untertrieben. Wir stehen vor einem schwarzen Loch, das nach und nach die Gesellschaft, wie wir sie kennen, verschluckt. Und die Politik steht daneben und sieht es nicht.
Dario Amodei scheint übrigens selbst Respekt vor seiner eigenen Entwicklung zu haben. Das neue KI-Modell seines Unternehmens wird offenbar nur schrittweise ausgerollt – um zu testen, wie es sich kontrollieren lässt. Für die breite Masse sei es zu gefährlich.
Mit diesen dystopischen Gedanken entlasse ich Sie noch nicht ins Wochenende. Sondern mit einer Frage: Hören Sie Podcasts? Und wenn ja: Welchen Politikpodcast der VN würden Sie sich wünschen?
Ich habe im Laufe meiner Karriere bereits einige Formate umgesetzt. Und langsam wird es wieder Zeit für ein neues. Doch was nützt ein Podcast, den niemand hört? Deshalb interessiert mich, was Sie interessiert. Schreiben Sie mir – ich freue mich über jede Nachricht.
Passend dazu habe ich heute ausnahmsweise keine Lese-, sondern zwei Hörempfehlungen: Kolleginnen des Magazins Dossier widmen sich in einem mehrteiligen Podcast der ehemaligen Außenministerin Karin Kneissl und gehen der Frage nach, wie sie in einem russischen Dorf gelandet ist. Und Kollegen der „Zeit“ beleuchten – ebenfalls in einem Mehrteiler – den Tod eines Kochs in Gaza und ordnen diesen im Kontext des Militäreinsatzes Israels ein.
Oder Sie tun einfach das Naheliegendste: die Sonne genießen. Zumindest heute und morgen bietet sich die Gelegenheit. Hinweis aus der Redaktion: Die ersten Freibäder sperren auf. Viel Vergnügen im Wasser.
Herzlichst,
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter
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