Michael Prock

Kommentar

Michael Prock

Autorisierungen – warum, warum nicht?

Politik / 10.04.2026 • 16:39 Uhr

Einen wunderschönen Freitag!

Heute wieder etwas verspätet – entschuldigen Sie. Gestern ist es spät geworden. Christian Stocker war anlässlich der „VN-Top-100“ in Vorarlberg zu Gast. Traditionell überreicht der Bundeskanzler den von den VN verliehenen Wirtschaftspreis. Das Interview fand erst am Abend statt, danach folgte die Schreibarbeit, bevor der Text autorisiert wurde und schließlich online und im Print erschien. Kurz vor 23 Uhr war alles im Kasten – in der Früh lag es bereits auf Ihrem Frühstückstisch.

Sind Sie jetzt kurz gestolpert? Autorisierung? Bedeutet das, dass die Politik uns vorschreiben möchte, was wir nach einem Interview schreiben dürfen? Kontrolliert sie unsere Arbeit?

Entwarnung: Dem ist natürlich nicht so. Eine Autorisierung hat einen einfachen Hintergrund: Antworten in Interviews sind oft lang, Sätze verschachtelt, sie wiederholen sich, man verliert vielleicht manchmal den Faden. Wir müssen diese Antworten in lesbare Form gießen, verkürzen die Antwort, stellen sie um, lassen Füllwörter und PR-Floskeln weg. Danach legen wir die Antworten eben noch einmal kurz vor, um zu vergewissern, dass wir in der Verkürzung nichts verfälscht haben. Die Medienarbeiterinnen und -arbeiter der Politik nützen dies gerne, um Sätze noch einmal zu straffen, die Wortwahl ein bisschen zu verändern, Antworten noch stärker auf den Punkt zu bringen – was natürlich im Sinne der Leserschaft ist. Manchmal bitten Sie auch, ob man einen Satz, den der Interviewpartner gesagt, wir aber nicht verwendet haben, doch noch irgendwo unterbringen könnte. Das Interview bleibt aber immer inhaltlich unverändert. In der Praxis befinden wir uns da natürlich manchmal in einem Graubereich: War das wirklich so gemeint? Spiegelt die Änderung den Inhalt? Darüber kann leidenschaftlich diskutiert werden.

Kein Graubereich ist hingegen, wenn die Politik versucht, Gesagtes zu streichen oder Nichtgesagtes hinzuzufügen. Das ist ein No-go. Dennoch ist auch dies immer wieder Thema.

So auch gestern. Eine halbe Stunde hat mich das zusätzlich gekostet. Im Kanzleramt wollte man zwei Sätze zu unterschiedlichen Themen streichen. Mit einem Wunsch konnte ich leben – das Interview blieb dadurch inhaltlich unverändert. Dem zweiten konnte und wollte ich nicht entsprechen. Nicht unbedingt, weil der Satz besonders kritisch war – manche Wünsche sind schlicht schwer nachvollziehbar –, sondern aus Prinzip: Gesagtes wird nicht gestrichen. Nach einem Mail und einem Telefonat war die Sache erledigt, der Inhalt blieb bestehen. Interview fertig, veröffentlicht und ab in die Druckerei. Feierabend – und Lesestoff für Sie.

Autorisierungen sind in der Bundespolitik üblich, in der Landespolitik hingegen nicht. Das ist historisch gewachsen. Ich kann gut mit ihnen leben – und gut ohne sie. Was aber festgehalten werden muss: Autorisierungen sind keine Freigabe. Das wird oft verwechselt. Wenn jemand eine gekürzte Antwort nicht autorisieren möchte, könnte ich auch das unveränderte Wortprotokoll veröffentlichen, das auf Band festgehalten wurde. Davon hätte am Ende aber niemand etwas.

Auch Zitate aus Fließtexten werden manchmal zur Autorisierung geschickt – aus demselben Grund. Bei direkten Zitaten ist Genauigkeit entscheidend. Im Ehrenkodex der österreichischen Presse heißt es dazu: „Durch Anführungszeichen gekennzeichnete Zitate müssen so weit wie möglich den Wortlaut wiedergeben. Eine lediglich sinngemäße Wiedergabe darf nicht unter Anführungszeichen gesetzt werden. Anonyme Zitierungen sind zu vermeiden, sofern es nicht um die Sicherheit der zitierten Person oder die Abwehr eines anderen schweren Schadens geht.“

Was nie autorisiert wird: Überschriften, Bilder, Vorspann und Interviewfragen. Ganze Texte werden ebenfalls nicht vorgelegt.

Die Kolleginnen und Kollegen von der „Neuen“ haben einmal einen anderen Weg gewählt, als ein Fußballverein ein bereits geführtes Interview zurückziehen wollte (als würde das so einfach gehen …). Sie haben dann nur die Fragen abgedruckt, die Antworten aber leer gelassen. Auch das ist eine Möglichkeit, um zu zeigen, wie manche mit Interviews umgehen – für Leserinnen und Leser allerdings wenig ergiebig.

Und so ringen wir weiter – manchmal auch streitlustig –, um für Sie die besten Antworten herauszuholen. Denn darum geht es am Ende. Allzu oft wird im täglichen Spannungsfeld zwischen Politik und Medien der wichtigste Teil vergessen: Sie.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes und erholsames Wochenende. Und denken Sie nicht zu viel darüber nach, dass es westliche Staatslenker gibt, die damit drohen, ganze Zivilisationen auszulöschen. Der Blick auf die Weltpolitik ist derzeit alles andere als erholsam.

Aber das ist ein anderes Thema.

Herzlichst,
Michael Prock
Leiter VN-Politikressort

Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newsletter