Kirchenbeitrag weg!?

Bei einer Feldmesse auf einem Volksfest hat der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler einen „Systemwechsel“ gefordert. Allerdings nicht den, den FPÖ-Chef Herbert Kickl meint, wenn er davon spricht, sondern einen ganz anderen; einen, den Kickl und Co. in der Form, wie er von Glettler ausgeführt worden ist, empörend finden; und der in ihren Reihen sogar den Ruf nach einer Bestrafung der Kirche aufkommen lässt.
Doch eines nach dem anderen. Laut Gettler sind „wir alle“ leicht verführbar. Vorsicht sei deshalb vor denen geboten, die das Blaue vom Himmel versprechen und sagen würden, dass mit ihnen alles besser und die gute alte Zeit zurückkommen werde. Vorsicht sei auch vor denen geboten, die außerdem die Klaviatur von Neid, Hass und Verlustängsten beherrschen würden („gegen die Sozialbetrüger und ,Völkerwanderer‘“): Die einfachen Lösungen gebe es nicht, so Glettler. Und überhaupt: Neid erzeuge Neid, Enthemmung führe zu weiterer Enthemmung und Hass produziere Hass.
Die Forderung, den Kirchenbeitrag abzuschaffen, ist ein ernstzunehmender Einschüchterungsversuch.
Man kann sich denken, wen der Bischof gemeint hat. Das ist keine Kunst. Ausgesprochen hat er es jedoch nicht. Ihm ist es ganz offensichtlich wichtig gewesen, vor Gefahren zu warnen, die aus seiner Sicht mit bestimmten politischen Methoden verbunden sind. Das ist ein Unterschied.
Freiheitlichen ist es egal: Sie sehen eine unzulässige Attacke gegen sie. Glettler habe sich zu einem parteipolitischen Akteur gemacht und müsse sich daher auch gefallen lassen, dass ein solcher kontert, sagt Herbert Kickl. Der Abgeordnete Christoph Steiner, der bei der Predigt dabei war, sprach von einem „Skandal“, der Bischof habe die FPÖ abgekanzelt und diskreditiert. Es stehe einem Würdenträger nicht zu, seine politische Einstellung von der Kanzel herunterzupredigen. Selbst aus der fernen, aber großen niederösterreichischen Landespartei kam eine Reaktion. Sie lautete: Der Kirchenbeitrag gehört abgeschafft.
Das Ganze lässt tief blicken: Was glauben Kickl und Co.? Kirche ist mit ihren Botschaften und ihrem Tun immer auch politisch. Nächstenliebe zu propagieren ist zum Beispiel so politisch, dass sich Freiheitliche in einem Nationalratswahlkampf auf Plakaten explizit dafür ausgesprochen haben: „Liebe deine Nächsten.“ Gemeint waren damit halt ausschließlich „Österreicher“. Insofern ist es logisch, wenn Würdenträger sonntags in der Predigt nicht (nur) über Belanglosigkeiten sprechen, sondern vielmehr sogar Klartext reden; und zwar in der Sache, wie es jetzt auch Glettler getan hat: Sie unterscheiden bei den Nächsten nicht nach Staatsangehörigkeit.
Befremdlich ist, dass die bundesweit stärkste Partei derlei bekämpfen möchte: Die Forderung, den Kirchenbeitrag abzuschaffen, ist ein ernstzunehmender Einschüchterungsversuch. Er liefert eine Ahnung davon, was unter einem sogenannten Volkskanzler alles möglich werden könnte, zumal im Verhandlungsprotokoll über die (letztlich gescheiterte) Bildung einer blau-schwarzen Koalition vor einem Jahr schon der blaue Punkt enthalten war, die steuerliche Absetzbarkeit des Beitrags streichen. Es ist ein Hinweis darauf, dass Strafen zu befürchten hat, wer andere Standpunkte vertritt.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.