Die Lüge von der gleichen Medizin
Der Anlass für diesen Kommentar: die Ärztekammer. Wieder mal Streit in Wien. Fraktionen, Misstrauen, Anzeigen, Gegenanzeigen, Posten, Kurien und Kränkungen. Es klingt, als hätte man das Internationale Olympische Komitee, die sizilianische Mafia und einen österreichischen Parteitag in denselben Keller gesperrt. Nur mit mehr Standesbewusstsein.
Damit kein Missverständnis entsteht: Die Ärztekammer hat den ungleichen Zugang zur medizinischen Versorgung, von dem hier die Rede sein soll, nicht erfunden. Aber sie ist eines ihrer schamlosesten Sinnbilder: ein Apparat, der von Versorgung spricht und Besitzstände meint; der nach außen in Weiß auftritt und nach innen oft aussieht wie Camorra mit Gebührenordnung.
Dafür ist die Politik zuständig, mit Kassen, Ländern, Spitälern, Versicherungen und Gremien, deren Namen wie Narkosemittel wirken. Aber die Kammer ist auch nicht ohnmächtig. Sie sitzt an Verträgen, Honoraren, Kassenstellen, am Verhältnis von Wahl- und Kassenärzten, sie sitzt in jenem Maschinenraum, in dem mitentschieden wird, ob der normale Mensch in sechs Tagen oder sechs Monaten drankommt.
Die eigentliche Schuld liegt bei der Politik. Und zwar bei allen. Bei denen, die sozial reden und privat versichert sind (so wie ich, aber ich bin kein Politiker). Bei denen, die Leistung predigen und Beziehungen nutzen. Bei denen, die Reform sagen und Verschiebebahnhof meinen. Alle wissen es. Alle lügen darüber hinweg, als wäre Österreich das Märchenland der gleichen E-Card für alle.
Wir haben keine gleiche Medizin für alle. Wir haben eine Dreiklassenmedizin, höflich verwaltet, moralisch übertüncht.
Erste Klasse: jene, die jemanden kennen. Einen Primar, eine Oberärztin, einen Parteifreund, einen Schwager, der „da einmal anruft“. In Österreich ist die wichtigste Gesundheitskarte nicht die E-Card, sondern das Telefonbuch.
Zweite Klasse: jene, die zahlen können. Zusatzversicherung, Sonderklasse, Wahlarzt, private Diagnostik, schneller MRT-Termin, rascher OP-Slot, mehr Zeit, besserer Ton. Offiziell heißt das Komfort. In Wahrheit heißt es: Wer Geld hat, kauft Lebenszeit. Wer kein Geld hat, verliert sie im Wartezimmer.
Dritte Klasse und sinnbildlich: die Zähne. Dort fällt die Maske endgültig. Beim Herzen spielt Österreich noch Solidarität. Bei Krebs auch. Aber beim Mund beginnt der soziale Steckbrief. Kronen, Brücken, Implantate, gute Füllungen: Wer Geld hat, lächelt anders. Wer keines hat, lernt, den Mund zu schließen. Ein reiches Land, in dem man den Leuten an den Zähnen ansieht, ob sie arm sind: Das ist eine Gemeinheit mit Gebissabdruck.
Und nein, es geht nicht nur um Migranten, wie manche raunen, wenn sie Armut auf Distanz halten wollen. Es geht um Pensionisten, Alleinerziehende, Kassierinnen, Pfleger, kleine Selbständige, Arbeitslose, junge Familien, Menschen ohne Erbe und ohne Onkel im Krankenhaus. Es geht um jene, die brav einzahlen und merken, dass Gleichheit dort endet, wo der private Kalender des Facharztes beginnt.
Das österreichische Gesundheitswesen ist medizinisch stark. Gerade deshalb ist die Scheinheiligkeit so unerträglich. Man kann stolz sein auf Spitzenmedizin und sich zugleich schämen für ein System, in dem Zugang gekauft, beschleunigt, ertelefoniert und vererbt wird.
Darum ist der Ärztekammerstreit als Anlass so passend. Nicht weil dort allein der Täter sitzt, sondern weil man dort das Geräusch der Republik hört: Intrige statt Klarheit, Besitzstand statt Mut, Empörung nur dann, wenn die eigene Kurie betroffen ist.
Die Mafia hat nie behauptet, solidarisch zu sein. Österreich tut es täglich.
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