Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Menschenverachtung statt Menschenwürde

Politik / 25.05.2026 • 17:55 Uhr

42 Athletinnen und Athleten treten vollgepumpt mit Medikamenten und Hormonen gegeneinander an, um „die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit“ auszuloten. So geschönt verbreiten die Veranstalter die Idee der „Enhanced Games“, die am vergangenen Sonntag in Las Vegas abgehalten wurden. Man könnte es auch klar benennen: In einer skrupellosen Brot-und-Spiele-Inszenierung werden die Gladiatorinnen und Gladiatoren zum Gaudium reicher Investoren zwar nicht den Raubtieren vorgeworfen, Glück gehabt, sondern nur in einem fragwürdigen Spektakel verheizt. Männer und Frauen, die sich wenig um die Grundideale von Sport oder die eigene Gesundheit scheren, aber sich für hohe Preisgelder und extreme Leistungsideologien ausnutzen lassen.

Die Investoren hinter der menschenverachtenden Show können sich nicht nur an den Spielen delektieren, sie verdienen auch gut daran. Das Geld stammt aus dem Verkauf von Medikamenten und Hormonpräparaten, die über den Onlineshop der Spiele unter das Volk gebracht werden: Wachstumshormone für alle! Ziel der Veranstaltung ist laut Eigen-PR, das „menschliche Potenzial in Übermenschlichkeit zu verwandeln“ und dahinter geht es um fragwürdige Bilder eines Supermenschen, die manche Tech-Milliardäre im Silicon Valley gerne predigen. Wer braucht noch Menschenkörper, die der Biologie unterworfen sind, wenn es doch so tolle Technologien gibt?

Das Unvollkommene

Damit stellen die Vertreter dieser Ideologie des Transhumanismus eine Antithese zu den grundlegenden Werten der Aufklärung dar. Das Unvollkommene, das Unberechenbare, also das Menschliche an sich, kann die Stärke sein, die unsere schöpferische Kraft unter all den Technologien hervorhebt. Denn laut dem großen Aufklärer Immanuel Kant unterscheidet den Menschen Grundsätzliches von der Maschine, er ist „ein Zweck an sich“ und darf daher nicht einem ihm fremden Zweck unterworfen werden. „Was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde“, sagt Kant. Egal, wie alt, muskulös, attraktiv oder reich er sein mag.

Die Würde des Menschen muss in einer Welt der machtvollen Hochtechnologien unbedingt bewahrt werden. Aus Momenten des Ungeplanten und Einfällen jenseits der Logik entstehen eben besondere menschliche Leistungen. Und im Bereich der körperlichen Höchstleistungen sah man an den „Enhanced Games“, dass die aufgeputschten Leistungsmaschinen wohl auch ihre Grenzen haben. Mit dem griechischen Schwimmer Kristian Gkolomeev gab es nur einen einzigen Athleten, der den Bonus von einer Million Dollar für das Übertreffen eines Weltrekords gewann. Alle anderen Supermenschen blieben hinter den hohen Erwartungen des Transhumanismus-Fanclubs zurück.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.