Kommentar: Immer nur negativ?
Warum dominieren in den Medien die negativen Schlagzeilen? Diese Frage wurde kürzlich bei einer VN-Diskussion mit der Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle gestellt. Die Antwort ist ebenso einfach wie plausibel: Demokratie braucht umfassende Information – auch über Missstände. Nur so kann das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Politik abgebaut werden. Auch zu meinen Kommentaren höre ich immer wieder den Vorwurf, dass das Negative überwiege. Die Medienforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Phänomen. Kriege, Katastrophen, Korruption und Konflikte sind in Nachrichtensendungen und Zeitungen überrepräsentiert. Das hat einen einfachen Grund: Das Unerwartete, Gefährliche und Konflikthafte besitzt einen hohen Nachrichtenwert. Negative Ereignisse ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich und bleiben länger im Gedächtnis. Ein Autofahrer, der mit 150 km/h durch den Ort rast, ist eine Nachricht. Tausende, die sich an das Tempolimit halten, sind es nicht. Die Nutzungsdaten der Medien bestätigen das: Konflikte bringen mehr Klicks, längere Lesezeiten und höhere Quoten als positive Meldungen. Journalismus berichtet deshalb nicht über alles, sondern trifft eine Auswahl dessen, was gesellschaftlich relevant ist. Missstände aufzudecken und Macht zu kontrollieren gehört zu seinen wichtigsten Aufgaben. Würden Medien vor allem Positives verbreiten, würden sie ihrer Kontrollfunktion nicht gerecht.
Dennoch gibt es seit einigen Jahren eine Gegenbewegung. Der sogenannte lösungsorientierte Journalismus will Probleme nicht verschweigen, sondern sie einordnen und zeigen, wo es funktionierende Antworten gibt. Es geht nicht um die oft beschworenen „Good News“, sondern darum, aus gelungenen Beispielen zu lernen. Deshalb ist die Kritik an einem Übergewicht schlechter Nachrichten zwar nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Der Schwerpunkt auf negativen Ereignissen ist in erster Linie eine Folge journalistischer Nachrichtenlogik – und des Interesses des Publikums.
Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wurde gerade ihr berühmter Satz wieder häufig zitiert: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Sie meinte in diesem Text, dass es nicht Aufgabe von Schriftstellern sei, Schmerz zu leugnen oder seine Spuren zu verwischen, sondern sie müssten den Schmerz – also das Negative – „wahrhaben und wahrmachen“. In dieselbe Richtung weist der Grundsatz des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“: „Sagen, was ist.“ Dessen Gründer Rudolf Augstein verstand darunter die Verpflichtung, Wirklichkeit wahrheitsgetreu abzubilden – auch wenn sie unbequem ist. Journalismus soll sorgfältig recherchieren und nur berichten, was sich belegen lässt, nicht das, was Politiker oder Unternehmen gern veröffentlicht sähen, etwa durch die geradezu inflationäre Zahl an Pressekonferenzen, oft mit wenig Inhalt. „Sagen, was ist“ bedeutet deshalb auch, Missstände aufzudecken und Macht zu kontrollieren. Diesen Anspruch erfüllen Medien nicht immer. In Reportagen und Analysen schleichen sich bisweilen Wertungen ein – durch suggestive Adjektive, eine einseitige Auswahl von Zitaten oder tendenziöse Überschriften. Es sollte gelten: Meinungen müssen klar als solche erkennbar sein, Nachrichten möglichst nüchtern bleiben. Dass diese Grenze heute häufiger verschwimmt, hat auch mit den sozialen Medien zu tun. Auf Facebook, Instagram, TikTok oder YouTube konkurriert Journalismus mit Unterhaltung und Millionen privater Beiträge. Wer Aufmerksamkeit gewinnen will, formuliert zugespitzter. Doch die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar – und deshalb bleibt sie die erste Pflicht des Journalismus.
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.
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