Kommentar: Fußball und Politik
Wer noch glaubt, Fußball und Politik hätten nichts miteinander zu tun, wird bei der jetzt stattfindenden Weltmeisterschaft eines Besseren belehrt. Drei Episoden aus dem laufenden Turnier verdeutlichen dies eindrucksvoll: Zunächst musste der deutsche Kanzler den größten Shitstorm seiner Karriere über sich ergehen lassen, weil er die Leistung des Deutschlandteams euphemistisch beurteilt hat. Dies hat ihm in den Meinungsumfragen mehr geschadet als seine von negativer Kritik ohnehin nicht verschonte Politik. Dann haben widerliche rassistische Äußerungen einer paraguayischen Senatorin gegen den französischen Superstar Mbappé, der ihr Land aus dem Turnier geschossen hat, zu einem veritablen Konflikt geführt. Schließlich ließ sich der unvermeidliche Donald Trump die Chance zur Demonstration seiner Missachtung von Recht und Anstand nicht entgehen. Mit einem Anruf bei dem charakterlich ähnlich gestrickten FIFA-Präsidenten schaffte er es, eine Schiedsrichterentscheidung zum Nachteil der USA rückgängig zu machen.
In der Geschichte des Fußballs gibt es unzählige Beispiele für die Instrumentalisierung des Fußballs für politische Zwecke. Genannt sei etwa „Das Wunder von Bern“, der WM-Gewinn Deutschlands 1954, welcher die psychologische Stimmung für das Wirtschaftswunder mit geschaffen hat. Die argentinische Militärjunta nutzte die Heimweltmeisterschaft 1978, um sich international als zivilisiertes Regime darzustellen, während gleichzeitig Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden. Legendär ist der vier Jahre dauernde „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador, der durch ein Ländermatch ausgelöst wurde. Die Beispiele, wie Fußball als Brandbeschleuniger bestehender Konflikte, als Ventil des Nationalismus und als Propagandamittel wirken kann, ließen sich fortsetzen. Zwar verursacht Fußball allein kaum politische Veränderungen. Seine besondere Macht besteht aber darin, vorhandene Emotionen und gesellschaftliche Spannungen zu verdichten. Denn er berührt psychologische Grundbedürfnisse wie Identität, Gemeinschaft und Wettbewerb. Mit seiner weltumspannenden emotionalen Kraft kann Fußball manipulieren und polarisieren, aber ebenso versöhnen und verbinden. Ausschließlich für Letzteres sollte ihn die Politik nutzen dürfen.
Seine ganze Macht hat der Fußball aber im Match des belgischen David gegen den US-Goliath demonstriert. Durch nichts wurde der große Präsident je lächerlicher gemacht als durch die 1:4- Niederlage seines Landes gegen einen Kleinstaat.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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