Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Rassismus nach dem Schlusspfiff

Politik / 17.07.2026 • 14:25 Uhr

Als der damalige Tiroler Landeshauptmann Günther Platter 2012 das Nationalteam besuchte, begrüßte er David Alaba mit den Worten: „How do you do?“ Alaba antwortete: „Danke. Sie können ruhig deutsch mit mir reden.“ Mehr müsste man über die Verrenkungen rund um den „Migrationshintergrund“ kaum erzählen. Alaba ist in Wien geboren, bei Austria Wien ausgebildet und österreichischer Nationalspieler. Trotzdem genügte offenbar sein Aussehen, um ihn für einen Gast zu halten.

Am Sonntag spielen Spanien und Argentinien um den Weltmeistertitel. In Spaniens Mannschaft stehen Lamine Yamal und Nico Williams, junge Männer, deren Familiengeschichten nach Marokko, Äquatorialguinea und Ghana führen. Frankreich und England sind seit Jahren ähnlich sichtbare Abbilder ihrer Einwanderungsgesellschaften und ihrer Kolonialgeschichte. Auf dem Rasen ist Wirklichkeit, worüber außerhalb der Stadien gestritten wird, womit rechte Parteien alle Integrationsbemühungen vergiften: Nationen sind keine Abstammungsgemeinschaften. Sie sind das, was Menschen miteinander daraus machen.

Eigentlich müsste der Fußball deshalb die größte Integrationsmaschine der Welt sein, noch wirksamer als Popmusik. Er erreicht nicht nur Akademikerzirkel und urbane Kulturmilieus, sondern alle Schichten und politischen Lager. Im Verein gelten dieselben Linien, dieselben Regeln, dieselbe Tabelle. Wer den Ball verliert, kann sich nicht auf Herkunft berufen; wer das entscheidende Tor schießt, gehört für einen Augenblick allen.

Und dennoch verschwindet der Rassismus nicht, er wächst. Liegt es daran, dass der Applaus im Stadion oft nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung ist? Der bewunderte Spieler wird als Ausnahme akzeptiert: weil er schnell ist, Tore schießt, dem eigenen Klub oder Land nützt. Aus der Bewunderung für den Star folgt nicht automatisch Respekt für den Nachbarn, den Paketboten oder die Mitschülerin. Der Spieler darf „einer von uns“ sein, solange er gewinnt. Verschießt er einen Elfmeter, äußert er sich politisch oder fordert schlicht dieselbe Würde wie alle anderen, wird aus dem Wir erschreckend schnell wieder ein Ihr.

Ob unter Rapid-Fans oder im Ernst-Happel-Stadion mehr FPÖ gewählt wird als anderswo, weiß niemand. Verwundern würde es nicht. Fußball schafft Gemeinschaft, aber Gemeinschaft sucht immer auch ein Gegenüber. Das Wir kann offen sein oder sich aus Abgrenzung nähren. Fahnen, Hymnen und die Rede vom Kampf machen aus einem Spiel nicht zwangsläufig Völkerverständigung. Regelmäßig verstärken sie genau jene nationalen Reflexe, die der vielfältig zusammengesetzte Kader widerlegt.

Das ist kein Argument gegen den Sport, sondern eines für höhere Erwartungen an ihn. Es gibt Hinweise, dass Nähe zu Spielern Vorurteile tatsächlich abbauen kann. Aber Tore allein leisten diese Übersetzungsarbeit nicht. Vereine, Verbände, das Olympische Komitee müssten deutlicher erzählen, wer ihre Spieler, wer ihre Sportler sind, aus welchen Familien, Vierteln und Umwegen sie kommen – nicht als exotische Erfolgsgeschichten, sondern als selbstverständlicher Teil des Landes. Und sie müssten Rassismus nicht nur mit Transparenten vor dem Anpfiff bekämpfen, sondern in Nachwuchsarbeit, Fankultur und Sanktionen.

Der Sport kann Integration nicht ersetzen. Aber kaum ein anderer Ort könnte sie so anschaulich machen. Am Sonntag werden Millionen Menschen Männern zujubeln, deren Biografien von Migration, Vermischung und mehrfacher Zugehörigkeit erzählen. Die offene Frage ist, ob der Jubel bis zum Schlusspfiff reicht oder bis ins wirkliche Leben.