Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Kommentar: Überakademisierung

Politik / 16.08.2026 • 12:18 Uhr

„Wer nicht studiert hat, gilt als zweitklassig.“ Das habe ich gerade in einem NZZ-Kommentar gelesen. Immer mehr Junge würden Richtung Gymnasium und Universität gedrängt, während die Berufslehre an Ansehen verliere. Die Folge: Eine „Überakademisierung“ der Schweiz. Gleichzeitig fehlen jene Praktiker, die den Wohlstand am Laufen halten. Der Anteil der Jugendlichen mit Lehre sei von 75 auf knapp 60 Prozent gesunken, die Zahl der Studierenden habe sich seit 2000 verdoppelt.

Wie sieht das in Österreich aus? Noch krasser! Österreich sucht händeringend Facharbeiter. Laut Wirtschaftskammer haben 80 Prozent der Unternehmen ihre größten Besetzungsprobleme bei Stellen, für die ein Lehrabschluss erforderlich ist, besonders im Handwerk. In Vorarlberg wird der Widerspruch besonders sichtbar. Wir rühmen uns zu Recht als Land der Lehre, aber 2023 entschieden sich noch 48,7 Prozent der 15-Jährigen für eine Lehre und 2025 nur noch 39,9 Prozent. WK-Präsident Karlheinz Kopf spricht von einem „schmerzlichen Rückgang, der aufrütteln muss“. Als eine Ursache nennt die Kammer den „massiven Konkurrenzdruck durch die weiterführenden Schulen“. Hier beginnt das Problem. Matura und Studium genießen höheres Prestige als Lehre und Meisterprüfung – unabhängig davon, was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird. Unternehmen tragen selbst zur Akademisierung bei, wenn sie für Stellen einen Bachelor verlangen, für die eine qualifizierte Berufsausbildung ausreichen würde. Dass akademische Bildung und Arbeitsmarktnähe kein Widerspruch sind, zeigen die Fachhochschulen. Dort spielen Arbeitsmarkt-Perspektiven eine wesentlich größere Rolle. Viele technische, wirtschaftliche und gesundheitliche FH-Studien führen direkt in konkrete Berufe.

Bemerkenswert ist auch, dass sich in Österreich die Berufsaussichten je nach Studium erheblich unterscheiden. Medizin, Informatik oder Elektrotechnik sind gefragt. Wesentlich schwieriger ist der direkte Berufseinstieg mit Philosophie, Geschichte, Kunst- und Kulturwissenschaften, Politikwissenschaft sowie Literatur-, Theater- oder Medienwissenschaften. Nicht weil diese Fächer nutzlos wären, sondern weil es nur wenige Arbeitsplätze gibt, für die genau dieser Abschluss verlangt wird. Warum werden sie trotzdem studiert? Weil junge Menschen ihr Studium vor allem nach Interesse und Begabung wählen. Für 92 Prozent spielt das Fachinteresse eine wichtige Rolle, die Arbeitsmarktorientierung dagegen nur für 40 Prozent. Viele beginnen zudem ein Studium ohne festen Berufswunsch. Wie schmal der Arbeitsmarkt mancher Studien ist, zeigt das AMS-Jobbarometer: 2025 wurden österreichweit nur 30 Stellen für Philosophen, 31 für Theater-, Film- und Medienwissenschafter und weniger als 20 für Literaturwissenschafter ausgeschrieben. Gleichzeitig klagt die Wirtschaft über Tausende fehlende Fachkräfte. Wir sollten aufhören, Bildungswege gesellschaftlich in eine Rangordnung zu bringen. Ein Meister ist nicht weniger wert als ein Bachelor. Schulen sollten guten Schülern nicht automatisch Gymnasium und Universität als einzig angemessenen Weg präsentieren. Gerade Vorarlberg muss gegensteuern, wenn der Anteil der Jugendlichen in der Lehre innerhalb von zwei Jahren um fast neun Prozentpunkte fällt. Der zentralen Frage der NZZ sollten wir uns auch in Vorarlberg stellen: Warum gilt der Bachelor noch immer als gesellschaftlicher Aufstieg, während wir gleichzeitig verzweifelt jene Meister und Facharbeiter suchen, ohne die unser Wohlstand nicht funktionieren würde?

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.