Kommentar: Wenn Unterstützung zur Grenze wird

Politik / 31.08.2026 • 14:50 Uhr
Kommentar: Wenn Unterstützung zur Grenze wird

VN-Gastkommentar von Helga Boss.

„Als Alleinerzieherin in Österreich bekommen Sie bis zu 1.000 Euro pro Kind. Wo bekommen Sie das?” Das sagte Kanzler Christian Stocker Anfang August in Salzburg, nachdem er erklärt hatte, er würde Kinderbetreuung „nicht als Arbeit sehen“. Für den zweiten Satz hat er sich entschuldigt. Der erste steht noch.

Die Frage ist, was passiert, wenn eine Frau nicht nur Unterstützung bekommt, sondern mehr verdienen will. Dann wird aus Unterstützung eine Grenze. Wer einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld bezieht, darf heuer 8600 Euro dazuverdienen, jeder Euro darüber ist zurückzuzahlen. Die Leistung für Alleinerziehende endet bei 2.768 Euro Nettoeinkommen im Monat. Mit dem Geld kommt der Deckel.

Dabei ist es ohnehin Betreuungsgeld. Wer erwerbstätig ist, zahlt damit Kindergarten, Tagesmutter, Randstunden. Wer zu Hause bleibt, bestreitet damit den Alltag. Betreut wird in beiden Fällen. Nur wer die Erwerbsarbeit ausweitet, muss rechnen.

Das wirkt. In Vorarlberg arbeitet mehr als jede zweite Frau Teilzeit und nur jeder zehnte Mann. Als Hauptgrund nennen knapp zwei Drittel die Betreuung von Kindern und Angehörigen. Teilzeit ist damit kein Lebensstil, sondern die vernünftige Antwort auf ein System, das Zuverdienst bestraft. Bezahlt wird sie vierzig Jahre später, mit der Pension.

„Wenn wir Familien als Business Case sehen … dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe“, sagte der Kanzler. Nur rechnet der Staat längst mit Familien. Die Pension ist ein Umlageverfahren, bezahlt von jenen, die heute und morgen erwerbstätig sind. 2025 waren es in Österreich 75.718 Kinder. 1,29 pro Frau, so wenige wie nie. Das Institut für Demografie der Akademie der Wissenschaften nennt als Gründe wirtschaftliche Unsicherheit, Zukunftssorgen, fehlende Betreuungsplätze und kaum Väter in Karenz.

Niemand bekommt ein Kind, um das Pensionssystem zu retten. Aber junge Menschen entscheiden danach, ob Familie mit ihrem Leben vereinbar ist. Dazu gehört Betreuung, die nicht um vier Uhr endet, während der Arbeitstag weiterläuft. Väterkarenz, die bezahlt ist und niemanden erklärungspflichtig macht. Und Geld, das am Kind hängt statt an einer Verdienstgrenze, ausbezahlt, ob die Eltern erwerbstätig sind oder nicht, mit Betreuungsjahren, die mit dem tatsächlichen Einkommen oder einer Mindestpauschale aufs Pensionskonto kommen.

Dann ist das Ausmaß der Erwerbsarbeit eine Entscheidung, keine Rechnung. Wo Sie das bekommen, hat der Kanzler gefragt. Von uns selbst: ausbezahlt in jungen Jahren, abgezogen in der Pension. Familie ist kein Business Case. Das Pensionssystem schon.

Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.