Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Kommentar: Rufer in der Wüste (3)

Politik / 16.09.2026 • 11:20 Uhr

Wie gesagt, Frau Ammanns heißeste Empfehlung ist momentan Ulrike Herrmann, deren Bestseller zurzeit durch wichtige Talkshows geistern und dabei Debatten zu einem Thema beleben, das uns nie mehr verlassen wird. Ihre These „warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind“ vertritt sie in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ in eloquenter Zusammenschau und hat damit ordentlich Staub aufgewirbelt. Dabei schickt sie voraus, keineswegs eine Kapitalismus -Kritikerin zu sein, im Gegenteil: „Der Kapitalismus ist besser als sein Image … er hat Hungersnöte überwunden und Überfluss produziert, hat „Butterberge“ aufgetürmt und „Milchseen“ gefüllt“. Dass nicht alle Ungerechtigkeiten in der Verteilung des Wohlstands in den Griff zu kriegen waren (sind), ist System -immanent, aber selbst Marx „begrüßte das entfesselte Wachstum.“  

Die „segensreichen Errungenschaften“ des Kapitalismus machten unser Leben angenehmer…“ die Lebenserwartung hat sich verdoppelt…auch Gleichberechtigung und Demokratie werden erst möglich, wenn eine Gesellschaft reicher wird.“ Und doch:  die These ist schwer zu widerlegen – „der Kapitalismus ist nur stabil, solange er wächst“, aber die Erde und ihre Ressourcen können nicht ewig ausgebeutet werden. “In einer endlichen Welt kann man nicht unendlich wachsen“, das ist ein Faktum.

Was viele jugendliche Klimaaktivisten, die das begriffen haben, sehr beunruhigt, zumal „die Wissenschaftler suggerieren, dass Klimaschutz eigentlich einfach wäre – die nötigen Technologien und Konzepte sind schon lange entwickelt.“ Zyniker behaupten „wenn die Erde eine Bank wäre, hättet ihr sie längst gerettet.“

Es wurde im Pariser Übereinkommen festgehalten, den globalen Anstieg der Erderwärmung auf unter 2 Grad halten zu wollen und bis zur Mitte des Jahrhunderts „Netto Null Emissionen“ zu erreichen. Die Ambition läuft allerdings Gefahr unterminiert zu werden durch ignorante Politik („Hitzerekorde? … lasst euch doch mal was Neues einfallen“).  Im Moment stehen wir bei 1,63 ° Celsius. Die Klimaforscher warnen: in der Naturwissenschaft brauchen wir keine Meinungen, wir brauchen Messungen und die sagen Folgendes:  Die aktuelle Heizrate beträgt bis zu 0,26 ° pro Jahrzehnt, d.h. also in 40 Jahren hätten wir ca. 2,63 ° über dem vorindustriellen Niveau. (Nachzulesen bei Harald Lesch, Stefan Rahmstorf usw.) Mit anderen Worten – ein Sommer im Jahr 2066 könnte (vorausgesetzt wir schaffen die Klimaziele NICHT) nur in klimatisierten Räumen überlebt werden, wobei zu bedenken ist, dass sich der europäische Kontinent etwas schneller erwärmt als die anderen.

Natürlich fragt sich auch Frau Herrmann, „wie man aus einem ständig wachsenden Kapitalismus aussteigen soll, ohne eine schwere Wirtschaftskrise zu erzeugen und Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken? – Ökologische Kreislaufwirtschaft? Tauschwirtschaft? Gemeinwohlökonomie? Konsumverzicht?  (Sie lächeln?) nur noch so viel verbrauchen, wie recycelt werden kann?“. Brainstorming ist angesagt.  Aufs „Schrumpfen“ läufts hinaus. Ja, radikal, aber alternativlos, sagt sie.  

Es könnte uns sogar eine hellere Zukunft blühen, langsamer, solidarischer, respektvoller, „in einer klimaneutralen Wirtschaft würde niemand hungern- aber Millionen von Arbeitnehmern müssten sich umorientieren“.  Faktum ist: Sollten wir die Emissionen nicht auf null reduzieren, “geraten wir in eine „Heißzeit“, die ganz von selbst dafür sorgt, dass die Wirtschaft schrumpft“. (Fortsetzung folgt)

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.