Kommentar: Betreutes Denken
Das war gerade der Titel des Philosophicums Lech. Selten trifft ein philosophisches Thema derart den Nerv einer Zeit. Unsere wird von der KI beherrscht. Darauf bezieht sich der Untertitel des Philosophicums: „Die neue Lust an der Unmündigkeit“. Wir sind bequem geworden. Selbst Nachdenken kostet Zeit und Energie. Wir vertrauen ohne nachzudenken dem Navi, das uns manchmal ins Nirwana führt. Netflix, Amazon und Spotify empfehlen uns Filme oder Musik – wir suchen gar nicht mehr, wir lassen uns etwas vorsetzen. Wir wollen wissen, wie das Wetter ist. Früher haben wir zum Fenster hinausgeschaut, jetzt konsultieren wir die App und fragen, was wir anziehen sollen. Das betreute Denken greift auch in der Politik um sich. Immer öfter wird dort die Verantwortung an Experten delegiert, das Fiasko mit dem neuen Öffi-Tarifsystem lässt grüßen.
Die beiden Intendanten des Philosophicums, Konrad Paul Liessmann und Barbara Bleisch, fragen: Was bedeutet heute noch die Aufforderung des Philosophen Immanuel Kant, doch den Mut aufzubringen, eigenständig und ohne Bevormundung zu denken? Ich stelle dieselbe Frage einem KI-Bot, also einem Computerprogramm, das mit Hilfe künstlicher Intelligenz selbstständig auf Eingaben reagiert, etwa ChatGPT. Die Antwort könnte von Kant stammen, den die KI natürlich „gelesen“ hat: „Betreutes Denken beginnt meist nicht damit, dass Menschen bewusst auf Souveränität verzichten, sondern unspektakulär: Man gibt kleine geistige Mühen ab, weil es bequem, schnell und oft sogar vernünftig erscheint.“
Liessmann/Bleisch in Lech: Wo sind Menschen im KI-Zeitalter noch authentisch? Denn vor lauter KI wissen wir nicht mehr, wer wir selber sind. Liessmann verweist darauf, dass die meisten akademischen Diplomarbeiten, das ist erlaubt, mittlerweile mit KI geschrieben werden. Ergebnis: „Der Stolz auf das eigene Denken wird dadurch unterminiert.“ Er nennt das eine andere Form der Unmündigkeit und verweist auf die Uni in Darmstadt. Dort haben Professoren und Studenten einhellig den Verzicht auf KI beschlossen. Seine Schlussfolgerung: In Zukunft werden jene, die weniger KI verwenden, gefragter sein, weil sie noch selbst denken.
Nicht jede KI-Nutzung ist Souveränitätsverlust. Wer KI nutzt wie wir Journalisten, um Recherche zu beschleunigen und Gegenargumente zu prüfen, bleibt Herr oder Frau des Denkens. Problematisch wird es, wenn das Ergebnis ungeprüft übernommen wird.
Betreutes Denken beginnt schon dort, wo andere entscheiden, welche Gedanken uns überhaupt noch zugemutet werden dürfen. Immer häufiger werden Veranstaltungen aus diesem Grund abgesagt. Die Fälle von Selbstzensur häufen sich. Gerade hat der Österreichische Journalistenclub eine Buchpräsentation der früheren Direktorin des Jüdischen Museums Danielle Spera abgesagt. Sie wollte ein Buch über 36 bedeutende jüdische Frauen der 99-jährigen Psychoanalytikerin Erika Freeman präsentieren. Begründung der Absage: Man befürchte tumultartige Störaktionen – ohne dass es dafür irgendein Indiz gab. Die Wiener Festwochen haben heuer eine Diskussion mit Peter Thiel (er stellt zentrale Prinzipen der Demokratie in Frage) abgesagt, weil einige Künstler sonst das Festival boykottiert hätten. Liessmann hat darauf eine Antwort wie es Philosophen geziemt. Philosophie könnte den Wert des Streitens und des Denkens fördern. Wir sollten uns fragen: Woher kommt die Angst, mit jemandem zu diskutieren und ihm zuzuhören? Wir müssen lernen, andere Positionen auszuhalten, wenn diese nicht der eigenen Meinung entsprechen, aber argumentierbar sind.
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.
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