Kommentar: Zeiler und das Märchen vom Aufstieg
Das Einzige, was mich an Gerhard Zeilers Bewerbung um den SPÖ-Vorsitz wirklich stört, ist sein Angebot, den Job gratis zu machen. „Keinen Cent“ wolle er dafür nehmen. Das klingt nach nobler Selbstlosigkeit und ist doch vor allem Millionärssprache. Wer ein Vermögen hat, kann sich Gratispolitik leisten. Ein Andreas Babler vermutlich nicht, eine Kindergärtnerin schon gar nicht. Politisches Ehrenamt als Luxusaccessoire: originell sozialdemokratisch ist das nicht.
Ansonsten ist Zeilers Auftritt leicht erklärbar. Der Mann war ORF-Generalintendant, RTL-Chef und führt heute als President International bei Warner Bros. Discovery Tausende Mitarbeiter. Medienroutine hat er also genug. Ob sie politisch Prozentpunkte bringt, weiß niemand. Wahrscheinlich ja. Und eine gefestigte Sozialdemokratie ist angesichts des Rechtspopulismus überlebenswichtig für das Land, auch für Konservative, Grüne und Liberale.
Nur wird inzwischen so geredet, als wäre Zeilers Lebenslauf bereits ein Parteiprogramm. Willkommen beim Vorsitzenden-Casting: Wer kann Fernsehen? Wer hat die Landesparteien? Wer sticht wen? Löwelstraßen-„Game of Thrones“ mit Funktionärsfolklore und Umfragepanik. Die SPÖ liegt bei 15 Prozent, die FPÖ weit vorne, die ÖVP bei 21. Dass Bablers Kommunikation an dieser Lage nichts geändert hat, ist ein Faktum.
Die naheliegende Frage wäre allerdings: Was will Zeiler eigentlich verändern?
Wachstum. Innovation. Ein restriktiverer Ton bei Migration. Früher war er für Erbschaftssteuer, gegen Vermögenssteuer, für längere Ladenöffnungszeiten. Alles diskutierbar. Aber die große soziale Frage kommt in der Zeiler-Mania erstaunlich selten vor: Wie durchlässig und damit wie gerecht ist dieses Land?
Bei der Bildung lautet die Antwort: nicht besonders. Laut IHS ist die Wahrscheinlichkeit eines Studienbeginns bei jungen Menschen, deren Vater mindestens Matura hat, rund zweieinhalbmal so hoch wie bei jenen, deren Vater keine Matura hat. Das ist keine Bildungsrandnotiz. Das ist Herkunftsverwaltung.
Zeiler selbst ist Arbeiterkind und hat einen Weltaufstieg hingelegt. Aber ein System wird nicht gerecht, weil einer darin die Ausnahme schafft. Der Aufsteiger wird gern als Beweis herumgereicht, dass eh jeder könne. Lieblingslegende der Aufstiegsgesellschaft: Man zeigt auf den, der es geschafft hat, und übersieht jene, die an der Startlinie zehn Meter hinten stehen.
Noch brutaler ist es beim Vermögen. Laut einer Studie der Österreichischen Nationalbank haben im ärmsten Vermögensfünftel 18,8 Prozent geerbt oder geschenkt bekommen, im reichsten 70,2 Prozent. Bei den Empfängern liegt der Durchschnitt dort bei 435.600 Euro, unten bei 33.300. Österreich ist damit nicht nur Leistungsgesellschaft, sondern Geburtslotterie. Die einen bekommen Wohnung, Beziehungen und Startkapital. Die anderen einen Motivationsspruch über Eigenverantwortung.
Man muss kein Linker sein, um darin einen Widerspruch zu sehen. Wer Leistung predigt und Vermögen vererben lässt wie Adelstitel, sollte ihn wenigstens benennen.
Hat irgendjemand Zeiler ernsthaft gefragt, was er dagegen tun will? Wie Bildung weniger erblich wird? Wie Vermögenschancen weniger vom richtigen Stammbaum abhängen? Wie aus sozialer Mobilität wieder mehr wird als Sonntagsredenmaterial?
Kaum.
Das ist das Schändliche an dieser Debatte. Nicht, dass ein Multimillionär Sozialdemokrat sein will. Warum nicht? Sondern dass ein Multimillionär antritt, die Sozialdemokratie zu retten – und wir Journalisten hauptsächlich darüber reden, ob er Babler schlagen kann. Die Personalfrage ist interessant. Die soziale Frage wäre richtig.
Christian Rainer ist Journalist und Medienmanager. Er war 25 Jahre lang Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil.
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