Geh dahin, wo der Pfeffer wächst

Reise / 11.10.2013 • 11:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Geh dahin, wo der Pfeffer wächst

Die Schatzinsel Madagaskar bietet faszinierende Erlebnisse und Überraschungen.

reise. (Veronika Hämmerle) Nachdem wir die ersten Tage in Madagaskar bei einer Familie auf dem Land verbracht hatten, sitzen wir nun wieder am Flughafen von Tana, wie die Hauptstadt Madagaskars von den Einheimischen genannt wird, um unseren zweiten Reiseabschnitt anzutreten. Im Vergleich zu diesem Flughafen wirken jene, die ich bisher gesehen habe, wie Hochsicherheitstrakte. Die Sicherheitsdetektoren piepsen durchgehend, was niemanden zu kümmern scheint, und ein kleines Mädchen wird gerade im letzten Moment von der Türe weggezogen, bevor es hinaus zu den Rollbahnen laufen kann. Der erste Flug verläuft sehr entspannt. Nur der Blick auf die kahlen Hügel und Ebenen der einst vollkommen mit Wald bedeckten Insel hinterlässt ein schales Gefühl. Das Ausmaß des Raubbaues, den wir an der Natur betreiben, zeigte sich mir bisher selten so deutlich. Zur ersten Bewährungsprobe unseres europäischen Gemüts wird das Umsteigen. Zuerst ist nicht klar, ob unser Anschlussflug nach Maintirano überhaupt durchgeführt wird, da nur noch ein Flugzeug auf dieser Strecke verkehrt, alle anderen sind beschädigt und auch diese letzte Maschine hat mit Problemen zu kämpfen. Nach ein paar Stunden dann aber der Bescheid, dass das Flugzeug startet, allerdings haben nicht alle Passagiere Platz und kein Gepäck kann mitgenommen werden. Das werde in ca. ein bis zwei Wochen nachgeschickt. Mit sprachlicher Hilfe eines anderen Passagiers können wir aber erklären, dass das für uns keine Option ist, weil wir in einer Woche schon wieder auf dem Rückweg nach Tana sein werden. Nach langem Hin und Her sitzen wir dann schließlich doch inklusive Gepäck in einer winzigen, wahrscheinlich heillos überladenen Propellermaschine. Unser Reiseplan sieht vor, dass wir von Maintirano aus eine mehrtägige Bootstour unternehmen und dabei helfen werden, vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröten zu markieren. Dass man bei Reisen in nicht gerade typische Urlaubsländer auf Planänderungen und unerwartete Wendungen gespannt sein darf, hatte nicht nur die Anreise gezeigt, sondern sollte sich auch für den restlichen Teil dieses Reiseabschnittes bestätigen. Der Wind, der in den ersten zwei Tagen weht, zögert unseren Aufbruch hinaus, weil er die Brandung für die Boote unüberwindbar macht. Dieser Umstand ermöglicht uns aber einen Tagesausflug ins Landesinnere, in einen intakten Regenwald mit seinen Lemuren und zu archäologischen Fundstätten. Nach zwei Tagen legt sich der Wind und die Tour zu den Schildkröten kann starten. Die erste Überraschung erlebe ich, als ich das Boot sehe, mit dem wir die nächsten Tage auf hoher See unterwegs sein werden: ein typisches madagassisches Fischerboot, das in meinen Augen einer Nussschale gleicht. Mir wird jetzt klar, wieso die Brandung bei starkem Wind nicht bewältigbar ist. Der Motor ist die einzige Luxusausstattung. Die zweite Überraschung erlebe ich, als ich feststelle, dass ich zwar nicht seekrank, aber krank vor Angst werde, wenn ich in einem kleinen Holzboot im offenen Meer treibe. Auch der Umstand, dass wir in den besten Händen und mit einem sehr erfahrenen Seemann unterwegs sind, kann mein Herz nicht beruhigen, das scheinbar mehr als ich es je gedacht hätte am festen Untergrund hängt.

Fluoreszierendes Plankton

Die Tour wird für mich zu einer Grenzerfahrung. Aber ich möchte den Moment nicht missen, in dem ich meinen ersten Wal gesehen habe, ohne Gedränge an einer Reling und ohne Motorengeräusch im Hintergrund, wie das später bei kommerziellen Whale-Watching-Touren immer der Fall sein wird. Ich wünsche jedem, dass er einmal in seinem Leben fluoreszierendes Plankton sieht, wie es im Mondlicht die vom Boot verdrängten Wassermassen in schimmernde Funken verwandelt, und dass er einen Nachthimmel bestaunen kann, der sich als gewaltiges Sternenmeer über einem erstreckt. Die Abfahrt der farbigen Fischerboote im Sonnenuntergang und ihre Rückkehr am Morgen mit all den zu bewundernden Meeresschätzen sind weitere Erlebnisse, die die Angsttränen der Überfahrten letztendlich mehr als aufwiegen.

Richtig, Schildkröten haben wir keine markiert. Wir waren immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber das spielt im Nachhinein keine große Rolle mehr, wir haben erkannt, dass Pläne in Madagaskar nur selten ganz erfüllt werden, dass dieser Umstand aber Platz für einzigartige Überraschungen schaffen kann.

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