Unterwegs in Draculas Reich

Reise / 04.04.2014 • 10:41 Uhr
Unterwegs in Draculas Reich

Wandern durch Transsilvanien – eine Begegnung mit der rumänischen Natur und Kultur.

reise. (Dagmar Krappe) Die heftigen Gewitter der letzten Stunden sind weitergezogen. Der Himmel über den dunkelgrünen Karpatenwäldern hat seine Farbe wieder von Grau auf Hellblau gewechselt. Ganz nah thront jetzt das mächtige Königsteinmassiv, das eben noch mit einem Nebelmantel bedeckt war. Ein Pferdefuhrwerk („caruta“) überholt die Wandergruppe, die auf den schmalen, steinigen und vom Regen glitschigen Wegen durchs Burzental nur langsam vorankommt. Die Gespanne sind keine Touristenattraktion, sondern für rumänische Bauern immer noch ein tägliches Transportmittel für Heu, Milchkannen und sonstige landwirtschaftliche Produkte. Lautes Gejaule dringt aus dem dichten, schattigen Tannenwald. Wölfe? Graf Dracula, der durch Transsilvanien streift? Nein, es sind nur die Hütehunde von George Corco, der im Burzental eine Schäferei betreibt. „Acht Hunde halten fast 500 Schafe, 60 Ziegen, 45 Kühe und 80 Schweine zusammen“, erzählt der drahtige 80-Jährige, während er mit zwei Helfern das abendliche Melken der Kühe beginnt: „Es ist eine harte Arbeit hier draußen. Mit hoher Verantwortung, denn ich versorge nicht nur 180 eigene, sondern über 300 Schafe sind bei mir in Pension. Klein- und Nebenerwerbsbauern aus dem Umland haben sie mir anvertraut.“ Das hat Tradition in Rumänien. Am Ende des Sommers liefern die Schäfer die Tiere wohlgenährt wieder bei den Besitzern ab.

Typisch für die Region sind die zahlreichen protestantischen Kirchenburgen. Michelsberg ist das Endziel nach dem Abstieg vom 1300 Meter hohen Magura-Gipfel. „Die romanische Burg oberhalb des Ortes stammt aus dem 13. Jahrhundert“, erklärt Wanderführer Hermann Kurmes. Evangelische Kirchengemeinden gibt es auch heute noch. In Neppendorf, einem Stadtteil Sibius, verrichtet Pastor Heinz Dietrich Galter seit 25 Jahren als Nachfolger seines Vaters seinen Dienst. Seine Familie kam 1771 aus Kärnten in die Nähe von Brasov (Kronstadt). Mitte des 18. Jahrhunderts wurden durch österreichische Behörden protestantische Familien nach Siebenbürgen umgesiedelt. In Neppendorf begannen viele der „Landler“ ein neues Leben. Inzwischen hat der Pfarrbezirk nur noch 100 Mitglieder. Sie kommen aus umliegenden Orten zusammen, denn die meisten Siebenbürger Sachsen verließen spätestens nach der Wende ihre Heimat, die nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien hieß. Wanderführer Hermann Kurmes ist jemand, der 1997 wieder zurückkam. Seit zehn Jahren betreibt er mit seiner Frau Katharina, die er während seines Lehramtsstudiums in Deutschland kennenlernte, eine Pension im Bergdorf Magura bei Zarnesti im Nationalpark Piatra Craiului. Zusammen zeigen sie Touristen die größtenteils noch unberührte Natur und ihre vierbeinigen Bewohner.

Hin und wieder sind ein paar tiefe Atemzüge zu hören. Ansonsten ist es mucksmäuschenstill auf dem Beobachtungsstand. „Eine Bärin kommt von links aus dem Wald“, flüstert Katharina Kurmes nach einer Stunde langen Wartens. Ein paar Äste knacken, dann tapst eine fünf Jahre alte Braunbärin aus dem Dickicht auf die Lichtung, nimmt einen Apfel zwischen ihre Pranken und verzehrt ihn genüsslich. Als Nachspeise gönnt sie sich mit Honig und Puderzucker bestreuten Mais, den Förster Andrei Ciocan zuvor als Lockmittel ausgelegt hat. 36 Bären gebe es im Krumbachtal, sagt der Förster. Wölfe, Schreiadler, Schwarzstörche und Habichtkauze durchstreiften ebenfalls sein Revier.

Wer durch Siebenbürgen wandert, kommt am „Dracula“-Schloss nicht vorbei. Von Magura aus führt ein Wanderpfad direkt zum Schloss Bran, 30 Kilometer südwestlich von Brasov (Kronstadt). Dort angekommen, heißt es bis zum Einlass Schlange stehen zwischen Dracula-Souvenirs in Masken-, Gebiss-, T-Shirt-, Becher- und Button-Form, Imbiss- und Getränke-Ständen. „Im Schloss ist der Massentourismus angekommen“, meint Hermann Kurmes: „Doch ansonsten faszinieren in Transsilvanien nach wie vor die Ursprünglichkeit, die Einsamkeit der Wälder, die Traditionen und die Langsamkeit, mit der sich der Fortschritt außerhalb der Städte ausbreitet.“