Tokio: Frau Misuzu sieht rosa

Reise / 17.05.2019 • 09:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Eine Tokioterin führt Touristen während der Kirschblüte ehrenamtlich zu ihren Lieblingsplätzen.

Nach dem Aufwachen schaltet Misuzu Watanabe gleich den Fernseher an. Dort verkünden Sondernachrichten die genaue Prozentzahl der Kirschblüten, die in Tokio ihre Knospen geöffnet haben. Dann setzt sich die 64-Jährige auf das Fahrrad und macht schon mal einen ersten Check. Tagelang hatten Experten von Japans Meteorological Agency den offiziellen Kirschbaum am Yasukuni-Schrein beobachtet. Entdecken sie an seinen Zweigen fünf Blüten, wird in der Megametropole offiziell Sakura, die Kirschblüte, ausgerufen. Das ist das Startzeichen für Hanami: das Betrachten und Feiern der Kirschblüten. Ein gesellschaftliches Ritual. Wichtiger als der Start aber ist der Zeitpunkt der vollen Blüte. Da geht auch die sonst so zurückhaltende Tokioterin aus sich heraus: „Kirschblüten machen die Japaner verrückt. Mich auch.“

Die 150 Jahre alte Bäckerei Kimuraya, die auch den Kaiser beliefert, backt Brot in Form von Kirschblüten. Es gibt rosa Reiskuchen, verziert mit Kirschblüte und eingewickelt in ein grünes Kirschblatt. Tokios ältestes Kaufhaus Mitsukoshi bietet in seiner gigantischen Lebensmittelabteilung kunstvoll aus Zucker gefertigte fast echt wirkende Blüten. Schon morgens stehen die Tokioter am Eingang des berühmten Nationalgartens Shinjuku Gyoen Schlange, um dort einen der schönsten Plätze unter den vielen Kirschbäumen zu ergattern. Mit blauen Plastikplanen werden Plätze reserviert für die, die erst am Nachmittag kommen können. Doch Blüte ist Blüte nicht gleich Blüte. Misuzu Watanabe läuft da zur Hochform auf: „Es muss die Somei Yoshino sein. Die Fünfblättrige. Die Königin. Nicht zu groß und nicht zu klein. Weiß. Nur ein bisschen Rosa.“ Als würde ein zartes weißes japanisches Papier einen winzigen Tropfen Rosa aufsaugen. So wie ihr flauschiger Schal, den sie zu ihrem purpurnen Wollmantel trägt. „Die Japaner sehen ihr symbolisches Leben in der Kirschblüte. Das Samurai-Leben. Ein bisschen einfach. Fast weiß – aber sooooo schön“, flötet sie mit viel Gefühl. Dabei war sie in ihrem Berufsleben als Computer-Ingenieurin eher nüchtern. Als Rentnerin wollte sie nicht daheim sitzen. Ihre beiden Töchter sind aus dem Haus. Mit Gleichgesinnten tat sie sich zusammen zur Edo-Tokio-Guide-Gruppe, um Fremden ihre Stadt zu zeigen: „Das ist für beide Spaß, für mich und meine Gäste.“

Vor der britischen Botschaft hat 1898 Sir Ernest Satow Kirschbäume gepflanzt. Ein bisschen steif stehen

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