VN-Reisebericht: Zum Pferderennen nach Siena

Reise / 23.06.2019 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
SHUTTERSTOCK

Italiens berühmtestes Pferderennen dauert kaum länger als eine Minute. Doch welch ein Jubel für den Sieger und welch Schmach für die Besiegten!

Siena Rüstungen rasseln, Hellebarden klirren, Familienväter schwenken riesige Fahnen: Im Sommer ist die gesamte Toskana ein einziges großes Fest. Aber wer da nur eine routinierte Kostümschau für Touristen erwartet, der stellt verblüfft fest: Die Einheimischen sind mit Herzblut bei der Sache, die Gäste von außerhalb völlig unwichtig. Das gilt besonders für das Fest der Feste, den Palio delle Contrade. Das historische Pferderennen findet seit dem 13. Jahrhundert alljährlich zweimal statt: am 2. Juli zu Ehren der Muttergottes von Provenzano und am 16. August zu Ehren der Schutzpatronin Madonna von Siena. Bei jedem der beiden Pferderennen auf der historischen Piazza del Campo starten zehn von 17 Stadtvierteln im Rennen um die Sieger-Seidenstandarte, den „Palio“; die restlichen sieben erhalten automatisch beim nächsten Mal ein Freilos. Schauplatz dieser bekanntesten und beliebtesten historischen Veranstaltung Italiens ist die toskanische Traumstadt Siena.

Den erdigen Farbton rechts oben aus dem Schulmalkasten kennt jeder. Doch so richtig zum Leuchten kommt das warme Siena-Rotbraun nur in der Stadt, die ihm den Namen gab. Im Abendlicht beginnen die verschachtelten Fassaden unter dem Domberg wahrhaftig zu glühen. Kein Zweifel: Die gotische Altstadt ist die schönste im Land. Das hat sie sogar schriftlich: Die Unesco hat sie komplett zum Weltkulturerbe erhoben. Bereits von fern wirkt Siena mit seinen Türmen und Zinnen wie aus einer anderen Welt. Aber zweimal im Jahr ist das alles pure Theorie: beim Palio. Jeweils drei Tage lang verwandelt sich dann die ganze Stadt in ein riesiges, farbenfrohes Volksfest. Bereits der Einzug der Abordnungen aller Stadtbezirke auf die Piazza del Campo, ein mehrere Stunden dauerndes Schauspiel, ist ein großes Fest. Die Teilnehmer sind in die mittelalterlichen Kostüme und Rüstungen gekleidet, die Fahnenschwinger versuchen sich gegenseitig in ihrer Kunst zu übertreffen. Einen großartigen Eindruck bekommt bereits, wer an den Vortagen durch die Stadt bummelt. Was für eine Stimmung!

Die Altstadt von Siena ist zur Gänze UNESCO-Weltkulturerbe. Shutterstock
Die Altstadt von Siena ist zur Gänze UNESCO-Weltkulturerbe. Shutterstock

Und die Contraden: Sie sind für einen echten Sienesen wichtiger als die Frage, zu welchem Fußballclub er hält. Ob sie zur Schildkröte, zum Einhorn oder zur Muschel gehören, bestimmt einen Großteil des Lebens von Sienas Bürgern und oft sogar die Wahl des Ehepartners. Denn die Contrade ist eine große Familie. Wer Siena begreifen will, der muss die Contraden verstehen. Von den 17 historischen Stadtvierteln hat jede hat ihren eigenen Bürgermeister, ihre Kirche, ihr Versammlungslokal. Jede Contrade hat auch ihr eigenes Veranstaltungshaus und ihren Pferdestall. Die Pferde für das große Rennen werden erst einige Tage zuvor ausgelost und müssen dann untergebracht werden. Damit ihnen die Rivalen nicht zum Beispiel ein Schlafmittel geben, werden die Rösser Tag und Nacht bewacht.

Wenn nicht gerade ein Pferderennen stattfindet, versammeln sich Touristen und Einheimische am sonnigen Hauptplatz von Siena. Shutterstock
Wenn nicht gerade ein Pferderennen stattfindet, versammeln sich Touristen und Einheimische am sonnigen Hauptplatz von Siena. Shutterstock

Am frühen Nachmittag vor dem Rennen findet der “Corteo Storico” statt. Höhepunkt bei dem Umzug in Kostümen aus dem Siena des 15. Jahrhunderts ist der von Maremma-Bullen gezogene Kriegswagen. Das eigentliche Rennen startet abends um sieben Uhr, doch für einen ordentlichen Platz muss man viele Stunden vorher da sein. Die Einheimischen streiten sich, ob es besser in der besonders wilden Curva San Martino ist oder doch entlang der Geraden. Eng wird es auf dem Platz auf jeden Fall. Wohl dem, der sich für viel Geld feste Tribünenplätze sichern konnte, von dem aus man die beste Sicht auf das Rennen hat und sich zwischendurch auch mal die Füße vertreten kann, ohne hinterher mit 35.000 Leuten um einen Platz zu kämpfen.

Und dann kommt der große Moment: Nur drei Runden lang müssen die für viel Geld von den Contraden angeworbenen Profi-Jockeys ihre Rösser um den abschüssigen Stadtplatz jagen, nach kaum mehr als einer guten Minute ist alles vorbei. Doch welch ein Jubel für den Sieger, welche Schmach für die Besiegten! Bestechungen und Knochenbrüche sind an der Tagesordnung, alle Behinderungen des Gegners erlaubt.

Nach dem Rennen ist natürlich noch lange nicht Schluss. Die Siegesfeierlichkeiten dauern die ganze Nacht an. Die offizielle Siegerehrung mündet in ein riesiges Gelage unter freiem Himmel. Den Ehrenplatz hat – das Siegerpferd.

Siena

Land Italien

Region Toskana

Palio Der Besuch des Palio ist kostenlos. Tribünenkarten können bei der Touristeninformation (www.enjoysiena.it) gebucht werden, sind aber für 2019 bereits ausgebucht. Private Anbieter wie www.jacopodellatorre.com und www.paliotours.com bieten Karten von privaten Balkonen und Hausdächern, Preis ab 250 Euro. 

Tipp An den drei Tagen vor dem Rennen findet jeweils morgens und abends ein Proberennen statt. Ablauf und Atmosphäre sind sehr ähnlich wie das eigentliche Rennen, aber das Gedränge ist nicht ganz so groß. Das Final-Rennen kann man sich dann in einer Bar im Fernsehen anschauen.

Shutterstock
Shutterstock