VN-Reisebericht: Wandertouren auf Gozo

Reise / 20.10.2019 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Zu Fuß auf Maltas kleiner Schwesterinsel: Wo die Meeresnymphe Kalypso einst Odysseus gefangen hielt.

Victoria Es muss ein ohrenbetäubender Krach gewesen sein, als das markante Felstor „Azure Window“, das Wahrzeichen Gozos, im fürchterlichen Sturm einstürzte. Jahrmillionen hat es gedauert, bis die Landmassen Gozos vom einstigen Urkontinent Gondwana 97 Kilometer vor Sizilien zum Stillstand kamen. Und es brauchte wohl etliche Jahrtausende, bis der Steinbogen bei Dwejra durch das unablässig anbrandende Meer in dieser ästhetischen Perfektion geschaffen wurde. Der katastrophale Sturm am 8. März 2018, nicht mal ein Wimpernschlag in der geologischen Historie Maltas, hat dem ein spektakuläres Ende gesetzt.

Doch selbst die Trümmer des einstigen „Blauen Fensters“ bleiben spannend. Taucher schätzen weiterhin die nur einen Steinwurf entfernte Blaue Grotte. Auch der nahe „Fungus Rock“, eine tatsächlich pilzförmige, vorgelagerte Insel, blieb unbeschadet. Und Wanderer finden auf Gozo, der gerade mal knappe zehn mal fünf Kilometer kleinen Schwester der Hauptinsel Malta, nach wie vor ein geradezu betörend schönes Terrain vor. Highlight ist der 50 Kilometer lange „Coastal Walk“, eine stramme Tour rings um die komplette Insel, die ambitionierte Wanderer am besten auf vier Tage verteilen. Ein Sahnestück daraus offenbart die etwa 12,5 Kilometer lange westliche Etappe nach Marsalforn. Sie führt zunächst leicht ansteigend nach Gharb, wo auf dem Kirchplatz der Anblick der barocken Prachtkirche aus dem hiesigen Sandstein schier überwältigt. Der Kirchplatz steht sinnbildlich für Maltas mehr als 7000-jährige Kulturgeschichte in seiner einzigartigen Mischung aus mediterranen, orientalischen und britischen Einflüssen. Vorbei an der Kapelle des Heiligen Dimitri folgen wir einem wilden, mit Cistrosen und Ginsterbüschen gesäumten Pfad Richtung zerklüfteter Küste. Ausgewaschene Kalksteinwege führen an den haarsträubend steil abfallenden Klippenrand bei Wied-al-Mielah, wo ein weiteres kapitales, locker 50 Meter hohes Felstor aus dem Meer aufragt. „Das Tor ist bei Kletterern äußerst beliebt … und so wie es aussieht, wird es hoffentlich noch ein paar tausend Jahre überdauern“, erklärt Dietmar Treptow, ein deutscher Auswanderer, der hier sämtliche Routen kennt und eigene Wanderführer verfasst. Der breite Rücken des Bogens ist von jedermann problemlos zu begehen. Unsere Route folgt der exponierten Küste und zickzackt nach einer weiteren Stunde bergab zu den Salzpfannen der Qbajjar Bay. Am Ende der Bucht – kurz vor unserem Etappenziel in Marsalforn – ragen monumentale weiße Felsen in das Meer.

Die Wallfahrtskirche Ta'Pinu gehört zu den Hauptattraktionen von Gozo. Shutterstock
Die Wallfahrtskirche Ta’Pinu gehört zu den Hauptattraktionen von Gozo. Shutterstock

Die zweite Tour starten wir in Victoria, Gozos Hauptstadt. Wir wandern westwärts vorbei an einem aufwändig restaurierten Aquädukt. Unser Ziel am Vormittag, die Wallfahrtskirche Ta‘Pinu unweit von Gharb, gewissermaßen das Lourdes Gozos. 1883 hörte die gozitanische Bäuerin Carmela Grima an dieser Stelle die Stimme der Mutter Maria. Die Erscheinung sprach sich schnell herum und ging mit angeblichen Wunderheilungen einher.

Die Höhle der Kalypso

Nachmittags starten wir erneut von Victoria Richtung Norden. Wandern durch ein fruchtbares Hochtal gemütlich nach Xaghra, einem der am frühesten besiedelten Orte der Insel. Die neolithische Ausgrabungsstätte „Ggantija“ hat wahrlich Gigantisches zu bieten. Die Architekten der Großstein-Kultur bewegten schon vor über 6000 Jahren Steine mit bis zu 50 Tonnen Gewicht, um ihre Monumentaltempel zu errichten. Die beeindruckende Kultstätte zählt längst schon zum Unesco-Weltkulturerbe und verströmt eine tiefe Aura. Von hier aus ist es nicht mehr weit zur angeblichen Höhle der Kalypso, etwas oberhalb der Ramla Bay in der Felswand gelegen. Odysseus – der Held des Trojanischen Krieges – wurde nach seinem Schiffbruch mit einem Floß an der Küste angespült. Die listenreiche, schön gelockte, aber ebenso furchtbare Tochter des Atlas, lockte den gebeutelten Helden auf ihr Lager, bot ihm Unsterblichkeit. Doch der undankbare Odysseus sehnte sich stets nach Ithaka. Wir Wanderer können von der mittlerweile etwas verfallenen Höhle bereits den rotglänzenden Sandstrand der Ramla Bay erspähen. Dort wird es dann wieder höchste Zeit die Wanderlatschen auszuziehen und in die Fluten zu hüpfen. Warum Odysseus so zauderte, wissen wir nicht. Wir jedenfalls könnten es hier noch ewig aushalten. Norbert Eisele-Hein (SRT)

Gozo

Land Malta

Fläche 67 km²

Einwohner 31.446 (2015)

Hauptstadt Victoria, ehemals Rabat

Gewässer Mittelmeer

Sprache Maltesisch und Englisch

Währung Euro

Infos über die Insel Gozo online auf www.visitgozo.de

So sah das berühmte „blaue Fenster“ noch vor dem großen Sturm aus, der es im Jahr 2017 einstürzen ließ. Shutterstock
So sah das berühmte „blaue Fenster“ noch vor dem großen Sturm aus, der es im Jahr 2017 einstürzen ließ. Shutterstock
Gozo gilt auch bei Tauchern als Hotspot. Shutterstock
Gozo gilt auch bei Tauchern als Hotspot. Shutterstock