„Damit Ausgeschlossene wieder auferstehen können“

Spezial / 29.03.2013 • 19:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Vera Merkel und ihre Gruppe kümmern sich um Einsame und Ausgestoßene. „Wir erfahren immer wieder österliche Momente.“ Foto: Merkel
Vera Merkel und ihre Gruppe kümmern sich um Einsame und Ausgestoßene. „Wir erfahren immer wieder österliche Momente.“ Foto: Merkel

Viel ist jetzt von Barmherzigkeit die Rede. Sant’Egidio erfüllt das Wort mit Leben.

Innsbruck. Alte besuchen, Kranke betreuen, sich um Flüchtlinge kümmern – die frohe Botschaft des Evangeliums tun statt nur darüber reden, steht seit der Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires zum Papst hoch im Kurs. Kein Wunder, dass Vera Merkel (37), geborene Tiefenthaler, „begeistert“ ist von Franziskus. Die gebürtige Bregenzer Dolmetscherin findet, der neue Papst strahle so viel Hoffnung aus. Gerade er, der in den argentinischen Armenvierteln war, wirke glaubwürdig. „Die Armen“, bekräftigt Vera Merkel, „lehren uns, dass man Hoffnungen und Träume für ein menschlicheres Leben nicht aufgeben darf.“ Sie weiß das. Seit Beginn der 1990er-Jahre erfährt sie es am eigenen Leib.

„Unsere Ehrenbürger“

Vera Merkel gehört seit damals zur Gemeinschaft Sant’ Egidio. Sie hat deren Spielart bedingungsloser Nächstenliebe nach Österreich gebracht. Die verheiratete Mutter einer zweijährigen Tochter lebt mit ihrem Mann in Innsbruck. Freiberuflich arbeitet sie als Übersetzerin für Serbisch, Kroatisch und Bosnisch. In ihrer Freizeit organisiert sie im engeren Kreis mit fünf Gleichgesinnten „und vielen, die mithelfen“, Aktionen zum Wohl anderer.

„Die Bedürftigen, mit denen wir in Freundschaft leben, sind wie Ehrenbürger in unserer Gemeinschaft.“ In Innsbruck geht die Gruppe regelmäßig zu älteren Menschen ins Pflegeheim, „die ganz allein sind und eine schwierige Geschichte haben“. Und sie kümmert sich um Flüchtlinge.

Um James aus Ghana zum Beispiel. Der 19-jährige Asylwerber kam vor vier Monaten aus Italien nach Innsbruck und wollte weiter nach Deutschland. Er wurde aufgegriffen. Am Bahnhof versuchte er zu fliehen. Er sprang aufs Gleis, übersah einen Zug; „ihm wurden beide Beine abgetrennt“. Vera las es in der Zeitung. „Wir waren echt schockiert. Das ist alles gar nicht weit von uns passiert.“

James lag lange auf der Intensivstation, dann in der Chirurgie. Vera und ihre Mitstreiter sind dort keine Unbekannten. Es ist ihnen gelungen, Vertrauen herzustellen zu Polizisten und Pflegern. „Schon in der posttraumatischen Station haben wir James besuchen düfen.“ Heute ist James in der Reha. Noch immer erhält er „mindestens jede Woche einmal“ Besuch aus der Gruppe Sant’Egidio. Vera sammelte „in ganz kurzer Zeit 200 Unterschriften“ für James. „Er kann jetzt in zwei Wochen in ein eigenes, kleines Zimmer umziehen.“ Sie sagt das so begeistert, wie andere von ihrem neuen Auto erzählen.

Dass James Katholik ist, spielt keine Rolle. Auch der 50-jährige Muslim Buja aus der Westsahara ist von Abschiebung bedroht. „Ihr seid meine Schwestern und Brüder“, hat er Vera zuletzt gesagt. Staunend und dankbar.

Es gibt niemanden, dessen sich Sant’Egidio nicht annehmen würde. Wenn im Frühjahr Sinti und Roma aus Bulgarien und Rumänien in Tirol auftauchen, macht sich Vera Merkel auf den Weg. Sie besucht die Zelte unter den Autobahnbrücken. „Einfach, weil wir das Gefühl haben, dass hier eine neue Not entsteht, die nicht sein darf.“ Natürlich hört Vera auch, dass man Zigeuner vertreiben soll. „Sie stinken und stehlen, sagen die Leute.“ Sant’Egidio hat zusammen mit Pax Christi und dem Vorarlberger Jesuiten Markus Inama eine Plattform gegründet. Inzwischen hat die Initiative vom Stift Wilten ein Haus erhalten und „eigenhändig renoviert“. Dort leben Roma, die Straßenzeitungen verkaufen. „Sie kommen meistens für drei Wochen ins Land.“ Jetzt haben sie eine Bleibe hier. Weil Vera Merkel ihre Sprache spricht, fand sie Zugang.

Ist sie in ihrem Engagement nie enttäuscht worden? Nein, sagte sie. Obwohl andere sich aus diesem Grund aus der Gemeinschaft zurückgezogen haben. „Uns hilft, dass wir nicht alleine im Einsatz sind.“ Der enge Kern der Gruppe trifft sich täglich zum Abendgebet in der Innsbrucker Kapuzinerkirche. Die steht ganz klein und unscheinbar nahe der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Ein passender Ort für die stillen Helfer.

Wieder Sinn im Leben sehen

In Hinblick auf Ostern betont Vera Merkel, dass sie „gerade, wenn wir bei Alten und Flüchtlingen sind, die Erfahrung von österlichen Momenten“ macht. Ihr kommt die 73-jährige Angela in den Sinn, die seit 20 Jahren taubstumm in einem Wohnheim lebt. „Sie hat nur mehr auf den Tod gewartet.“ Seit Vera und die anderen sie besuchen, „hat sie gemerkt, dass wieder jemand da ist, für den es sich lohnt zu leben.“ Sie pflegt sich. Zieht sich hübsch an. „Für meine kleine Tochter ist sie eine Art Oma.“ Warum tut Vera Merkel das alles? Da gibt sie eine sehr österliche Antwort: „Damit Leute, die ausgeschlossen sind aus der Gesellschaft, wieder auferstehen können.“

Die Bedürftigen sind Ehrenbürger in unserer Gemeinschaft.

Vera Merkel

Zur Person

Vera Merkel

Vera Merkel brachte Sant’Egidio nach Öster­reich.

Geboren: 1975 in Bregenz

Ausbildung: Krankenpflegeausbildung und Studium der Slawistik in Wien

Beruf: Dolmetscherin

Familie: verheiratet, eine Tochter